Der "Pfad der Erinnerung" - Stolpersteine in Minden
Albert
Müller
Unter den jüdischen Bewohnern des Hauses
Wilhelmstr. 18 war auch Albert Müller, der letzte Vorsitzende
der Synagogengemeinde Minden. Er wurde am 26. März 1869 in Groß
Rhüden in der Provinz Hannover geboren. Wann er nach Minden
verzogen ist, ist nicht mehr exakt feststellbar, auch nicht, wann
seine erste Frau verstorben ist. Aus dieser Ehe ging die 1899
geborene Tochter Erna hervor, die mit ihrer Familie ebenfalls in
diesem Hause lebte. In zweiter Ehe war Albert Müller mit Agnes
Rosenthal verheiratet, die 1898 in Bielefeld geboren wurde. Sie starb
am 22. Dezember 1940 in Minden.
In der jüdischen
Gemeinde war Albert Müller über viele Jahre aktiv als
Vorsitzender des Vereins zur Unterstützung armer Durchreisender.
Albert Müller war Kaufmann und betrieb ein Geschäft
für Putz- und Modewaren, vor allem Hutmoden. Das Geschäft,
in dem er mehrere Angestellte beschäftigte, befand sich zunächst
in der Bäckerstr. 9, ab 1929 in der Hohnstraße 23. Ihm
gehörte auch das Wohnhaus Wilhelmstraße 18.
Nach
der Machtübertragung an die Nationalsozialisten litten auch das
Geschäft und die Familie unter den antijüdischen
Boykottmaßnahmen. 1937 (nach einer anderen Quelle 1938) musste
Albert Müller im Zuge der "Entjudung der deutschen
Wirtschaft" sein Geschäft verkaufen, es wurde "arisiert"
und nun als Modehaus von Frau Elsa Kaster betrieben. 1939 wurde er
gezwungen, auch sein Wohnhaus in der Wilhelmstraße 18 an eine
"arische" Deutsche zu verkaufen; Käuferin war die
Ärztin Dr. Luise Laup aus Minden. Vom Erlös musste er eine
sog. Judenvermögensabgabe in Höhe von 4.000,- RM an das
Deutsche Reich abführen. Der Rest wurde auf ein Sperrkonto
eingezahlt, so dass er nicht darüber verfügen konnte; auch
dieses Guthaben fiel nach seiner späteren Deportation an das
Deutsche Reich. Das Ehepaar Müller wurde in eines der sog.
"Judenhäuser" zwangseingewiesen, zunächst in der
Heidestraße 21, dann in der Königstraße 37.
Am
22. Dezember 1940 starb Agnes Müller. Über das Schicksal
Albert Müllers gibt es widersprüchliche Aussagen. Als
historisch gesichert kann die jüngste Information des
Internationalen Suchdienstes Arolsen gelten. Danach wurde er Ende
Juli 1942 verhaftet und über Bielefeld in das KZ Theresienstadt
deportiert. Von hier wurde er zwei Monate später in das KZ
Treblinka verschleppt, wo sich seine Spur verliert. Er wurde dort zu
einem unbekannten Datum ermordet.
Nach der Deportation wurden
Hausrat und Möbel beschlagnahmt; der größte Teil ist
danach "spurlos verschwunden", wie es in den Akten heißt.
Der Rest wurde für 139,50 RM versteigert; der Erlös floss
in die Finanzkasse Minden.
Einer seiner Enkel hat das
Naziregime überlebt, Hans Israelsohn, der sich jetzt John Sonn
nannte. In den 1950er Jahren strengte er ein
Wiedergutmachungsverfahren an, in dem die Käuferin seines
großväterlichen Hauses 28.000,- DM Entschädigung an
ihn als einzigen überlebenden Erben zahlen musste.
Familie
Israelsohn
Im Hause von Albert Müller in der
Wilhelmstraße 18 wohnte auch die fünfköpfige jüdische
Familie Israelsohn, auch kurz "Sonn" genannt. - Julius, am
29. Oktober 1898 geboren, war 1919 nach seiner Heirat mit Erna Müller
aus Vörden im Kreis Höxter nach Minden zugezogen. Erna, am
5. März 1899 geboren, war die Tochter von Albert Müller.
Sie arbeitete als Putzmacherin im Modegeschäft ihres Vaters in
der Hohnstraße 23. Ihr Mann Julius war ebenfalls in diesem
Geschäft beschäftigt und wurde bald neben seinem
Schwiegervater Miteigentümer.
Das Ehepaar bekam drei
Kinder: 1925 Tochter Gerda, 1927 Sohn Hans und 1928 Sohn Günter.
Alle Kinder hatten unter der Diskriminierung und Verfolgung durch die
Nazis zu leiden; alle wurden als Juden aus den öffentlichen
Schulen ausgeschlossen. Gerda, die von der Mädchenmittelschule
verwiesen worden war, besuchte ab Mai 1940 die jüdische
Haushaltungsschule in Ahlem bei Hannover, von wo sie Anfang Dezember
1941 zu ihren Eltern zurückkehrte.
Das Modegeschäft
von Albert Müller und Julius Israelsohn litt wie alle jüdischen
Geschäfte unter den 1933 einsetzenden Boykottmaßnahmen,
die vor allem von der SA organisiert wurden. 1937 oder 1938, genau
lässt es sich nicht feststellen, wurde der Verkauf des Geschäfts
erzwungen, es wurde "arisiert" und von Elsa Kaster als
Modehaus weiter geführt. Die Familie war nun ohne Einkommen und
auf die Unterstützung durch Albert Müller angewiesen.
Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde Julius Israelsohn in
das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, aus dem er erst Ende
September 1939 wieder entlassen wurde. 1941 wurde die Familie
gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen und in das sogenannte
"Judenhaus" in der Heidestraße 21 umzuziehen, wo sie
nun in großer Enge mit mehreren anderen jüdischen Familien
zusammen lebte, denen das gleiche Schicksal widerfahren war.
Im
Verwaltungsbericht der Stadt Minden von 1941/42 heißt es, dass
am 13. Dezember 1941 "im Zuge der Abschiebung von Juden aus dem
Reichsgebiet" 25 Jüdinnen und Juden aus Minden nach Riga
"evakuiert" (!) worden seien. Darunter befand sich auch die
ganze Familie Israelsohn. Im Ghetto Riga wurde die Familie
auseinandergerissen. Julius und Erna wurden im August 1943 weiter in
das KZ Kaiserwald verschleppt, wo Julius 1944 umkam. Erna wurde in
das KZ Stutthoff deportiert und fand dort im Februar 1945 den Tod.
Auch Gerda kam zu einem unbekannten Datum im KZ Stutthoff um. Günter
wurde über das Ghetto Kowno und das KZ Stutthoff im September
1944 nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich im Dezember 1944
bei einer sogenannten "Kinderaktion" ermordet.
Hans
Israelsohn wurde von Riga aus noch mehrfach verschleppt in die
Konzen-trationslager Stutthoff, Kaiserwald, Buchenwald und
Theresienstadt; hier wurde er am 5. Mai 1945 befreit. Er hat als
einziges Familienmitglied das Naziregime und die Shoa überlebt.
1945 kehrte er nach Minden zurück, von 1947 bis 1948 lebte er in
Osnabrück. 1948 wanderte er in die USA aus. Dort legte er den
Namen Hans Israelsohn ab und nannte sich John Sonn. Er starb 1988 in
den USA.
Ehepaar
Maier
Karl Maier und seine Ehefrau Jenny wohnten nur 1 ½
Jahre in Minden, bevor sie wegen ihrer Zugehörigkeit zum
Judentum deportiert und ermordet wurden.
Karl Maier wurde am
20. April 1879 oder 1880 in Horkheim bei Heidelberg geboren. Von
Beruf war er Viehhändler. Seine Frau wurde als Jenny Loebmann am
5. November 1883 in Wollenberg Krs. Heilbronn geboren. Das Ehepaar
hatte zwei Kinder: den 1909 geborenen Sohn Justin und die 1912
geborene Tochter Erna, die nach ihrer Heirat Levy hieß.
Die
Familie wohnte zunächst in Sontheim Krs. Heilbronn und verzog
später nach Wollenberg, wo sie Eigentümerin eines
landwirtschaftlichen Anwesens mit Wohnhaus war. Hier betrieben Vater
und Sohn seit 1919 gemeinsam ein gut gehendes Viehhandelsgeschäft,
in dem Jenny vermutlich die kaufmännischen Arbeiten erledigte.
Dieses Geschäft litt nach 1933 stark unter den antijüdischen
Boykottmaßnahmen. 1937 wurde den Eigentümern die
Konzession des Viehhandels entzogen, was den wirtschaftlichen Ruin
bedeutete.
Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde Karl Maier
am 11. November verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt, aus dem
er erst am 15. Dezember 1938 wieder frei kam.
Im Herbst 1940
verließen Karl und Jenny Maier Wollenberg, um für einige
Monate bei dem Sohn unterzukommen, der nach Hausberge verzogen war.
Anfang Januar 1941 zogen sie dann nach Minden. Sie wohnten zunächst
am Kleinen Domhof und dann im Hause von Albert Müller in der
Wilhelmstraße 18.
Ende Juli 1942 wurden sie gemeinsam
mit vielen Mindener Jüdinnen und Juden verhaftet und nach
Bielefeld verschleppt, von wo sie am 31. Juli in das KZ
Theresienstadt deportiert wurden. Hier ist Karl Maier umgekommen, und
zwar vermutlich am 12. Oktober 1943. Seine Frau Jenny wurde am 15.
Mai 1944 weiter nach Auschwitz deportiert, wo sie an einem
unbekannten Tage umkam. Beide wurden später zum 31. Dezember
1945 für tot erklärt.
Die beiden Kinder des
Ehepaares Maier überlebten. Erna war rechtzeitig die Flucht aus
Deutschland gelungen; Justin wurde in das Ghetto Riga deportiert und
konnte nach seiner Befreiung zurückkehren.
Ehepaar
Katzenstein
Im Hause Wilhelmstraße 18 wohnte von 1935
bis 1941 auch das jüdische Ehepaar Sally und Gietha Katzenstein,
Sally Katzenstein wurde am 10. April 1890 im nordhessischen
Jesberg geboren, seine spätere Ehefrau als Gietha Nußbaum
am 5. August 1891 in Rhina, ebenfalls in Nordhessen. Sie heirateten
1913. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Elfriede, 1914
geboren, hieß später nach ihrer Heirat Berliner; die zehn
Jahre jüngere Ruth Rika nach ihrer Heirat Rosenberg. Beiden
Töchtern gelang vor Kriegsbeginn die Flucht ins Ausland; sie
lebten später in Tel Aviv bzw. in Glasgow.
Sally
Katzenstein war Lehrer und Prediger. Er unterrichtete ab 1911 an der
israelitischen Schule im nordhessischen Breitenbach, von 1921 bis
1934 an der städtischen jüdischen Schule in Soest. An
beiden Stellen war er verpflichtet, bis zu vier Wochenstunden
Unterricht an der Fortbildungsschule zu erteilen. In Soest war er
auch Prediger in der Synagogengemeinde.
Schon kurz nach der
Machtübertragung an die Nationalsozialisten, am 7. April 1933,
wurde das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"
erlassen, das die Entfernung unerwünschter Beamter, besonders
jüdischer, aus dem öffentlichen Dienst bezweckte. Ihm fiel
auch Sally Katzenstein zum Opfer. Am 29. März 1934 wurde er aus
dem Schuldienst entlassen.
Am 1. September 1935 zog die
Familie nach Minden um und fand eine Unterkunft im Wohnhaus von
Albert Müller in der Wilhelmstraße 18. Sally Katzenstein
wurde örtlicher Vertrauensmann der "Reichsvereinigung der
Juden in Deutschland", später auch Prediger in der Mindener
Synagogengemeinde. Als jüdische Kinder vom Besuch öffentlicher
Schulen ausgeschlossen wurden, erteilte er ihnen Unterricht in
privaten Räumen.
Nach dem Novemberpogrom von 1938 musste
Sally Katzenstein, obwohl jetzt ohne Einkommen, eine
"Judenvermögensabgabe" in Höhe von 1.400,- RM an
das Deutsche Reich zahlen. Diese Abgabe wurde zynisch auch
"Judenbuße" genannt. Mit ihr mussten die Juden selbst
für die Sachschäden aufkommen, die ihnen bei dem Pogrom
zugefügt worden waren.
Anfang 1939 versuchte die
Familie, nach Palästina zu emigrieren, die Emigration wurde
jedoch nur der Tochter Ruth Rika erlaubt. Ihre Schwester Elfriede war
bereits 1936 ausgewandert. 1941 stellten Sally und Gietha einen
Einwanderungsantrag in den USA, der dort auch genehmigt wurde. Die
Auswanderung scheiterte wegen des Kriegseintritts der USA.
1941
wurde das Ehepaar Katzenstein gezwungen, seine Wohnung zu verlassen
und in das sogenannte "Judenhaus" in der Kampstraße
6, das jüdische Gemeindehaus, umzuziehen, wo es zusammen mit
vielen anderen Jüdinnen und Juden in größter Enge
leben musste.
Im Frühjahr 1943 waren Sally und Gietha
Katzenstein die letzten noch in Minden lebenden Juden. Aber auch sie
wurden am 12. Mai 1943 verhaftet und über Bielefeld in das KZ
Theresienstadt deportiert. Von hier wurden sie im Herbst 1944 in
getrennten Transporten weiter nach Auschwitz verschleppt, wo beide im
Oktober 1944 ermordet wurden.

Dr.
Robert Nußbaum
Robert Nußbaum wurde am 30. Mai
1892 in Straßburg, das zur damaligen Zeit zum Deutschen Reich
gehörte, geboren. Seine Eltern waren der Gymnasialprofessor
Moritz Nußbaum und Ida Nußbaum geborene Koppel. Er hatte
noch eine Schwester. Die Familie gehörte zur jüdischen
Gemeinde.
Robert Nußbaum studierte Medizin. 1914
meldete er sich freiwillig zum Militär; er machte den Ersten
Weltkrieg mit, zunächst als einfacher Soldat, später als
Unterarzt. Er wurde verwundet und mit dem Eisernen Kreuz
ausgezeichnet. Nach der Entlassung aus dem Militär im November
1918 arbeitete er freiwillig im Straßburger Lazarett. 1919
wurde er als Deutscher aus dem französisch gewordenen Elsass
ausgewiesen. Er schloss sein Medizinstudium in Tübingen ab und
arbeitete danach als Arzt in Esslingen, Düsseldorf und Dortmund,
wo er sich vor allem der Kinder- und Säuglingsfürsorge
widmete. 1923 beteiligte er sich am passiven Widerstand gegen die
französische Besatzung im Ruhrgebiet und floh vor der drohenden
Verhaftung nach Minden.
Seit 1923 lebte Robert Nußbaum
mit seiner Frau Dora, geborene Quirin, in Minden. Dora Nußbaum
war Christin. Sie hatten drei Kinder: Heinrich, geboren 1924; Günter,
geboren 1925, und Anneliese, geboren 1928. Die Familie lebte zunächst
in der Königstraße 74, später in der Steinstraße
9, Ecke Stiftstraße. In diesem Haus befand sich auch die
ärztliche Praxis.
Robert Nußbaum war Mitglied der
SPD. Pfarrer Wilhelm Mensching bezeichnete ihn als "äußerst
engagierten, sozial verantwortungsbewussten und tatkräftigen
Arzt", der sich in der Arbeit mit Alkoholikern und Tbc-Kranken
engagierte. Er war in Minden sehr angesehen, hoch geachtet und sehr
beliebt. Schon 1923 wurde er zum Stadtarzt berufen, 1932 zum
Gerichtsarzt des Versorgungsgerichts.
Gleich nach der
Machtübergabe an die Nationalsozialisten beginnen die Schikanen
gegen Robert Nußbaum als Jude und als Sozialdemokrat. 1933:
Ausschluss durch Polizeiverfügung aus dem Elternbeirat der
Bürgerschule II wegen seiner Mitgliedschaft in der SPD. 1934:
Ausschluss vom ärztlichen Sonntagsdienst durch die
Kassenärztliche Vereinigung Minden als "nichtarischer"
Arzt. 1937 wird Robert Nußbaum anonym beschuldigt, Kollegen
beleidigt zu haben; daraufhin erfolgt eine Maßregelung durch
die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands. Zwei Mindener
Kollegen erstatten Anzeige gegen ihn, wollen diese aber zurückziehen,
wenn er Minden verlasse. Er weigert sich und bestreitet in der
Verhandlung vor dem Mindener Amtsgericht die angeblichen
Beleidigungen. Er wird dennoch wegen Beleidigung zweier Ärzte zu
einer Geldstrafe, ersatzweise Gefängnis verurteilt; Robert
Nußbaum geht in die Berufung. Am 14. Juli 1937 wird er noch vor
dem Termin der Berufungsverhandlung verhaftet. Im August 1937 wird
die Berufung verworfen; Robert Nußbaum wird zu einem Monat
Gefängnis verurteilt. Er wird danach bis zu seinem Tode am 15.
April 1941 nicht mehr frei gelassen.
Ende 1937 wird Robert
Nußbaum wegen sogenannter "Rassenschande" von einer
Patientin angezeigt. Über die einzige "Zeugin"
schreibt die Staatspolizei, mit ihr stimme "irgendetwas nicht in
geistiger Beziehung"; auch die ärztlichen Gutachter
bezeichnen sie "in gewissem Sinne als Psychopathin". Im
Prozess vor dem Bielefelder Landgericht im Frühjahr 1938
bestreitet Robert Nußbaum den Vorwurf, er wird trotzdem zu drei
Jahren Zuchthaus, drei Jahren Ehrverlust und fünf Jahren
Berufsverbot verurteilt. Er geht in die Revision. Am 30. Mai 1938
hebt das Reichsgericht das Urteil auf und verweist den Fall an das
Landgericht Bielefeld zurück, das ihn am 11. September 1938
erneut zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Von Dezember 1938
bis Februar 1941 sitzt Robert Nußbaum in den Zuchthäusern
Münster und Kassel ein. Während dieser Zeit reichen seine
Ehefrau und seine Mutter mehrere Gnadengesuche für ihn ein und
beantragen die Erlaubnis zur Auswanderung für ihn und die
Familie. Am 14. Februar 1941 wird Robert Nußbaum nach Verbüßung
der Strafe aus dem Zuchthaus entlassen und sofort in das KZ
Sachsenhausen eingeliefert. Hier stirbt er unter ungeklärten
Umständen am 15. April 1941. Die offizielle Todesursache lautet:
Brustfellentzündung.
Else
und Max Weinberg
Im Hause Heidestraße 14 wohnte
seit 1931 das jüdische Ehepaar Max Weinberg und Else Weinberg
geb. Philippsohn. Es war das Eigentum von Else Weinberg.
Max
Weinberg wurde am 22. Dezember 1890 in Norderney geboren, Else
Philippsohn am 13. Juni 1896 in Bückeburg. 1920 heirateten die
beiden in Bückeburg. Von 1921 bis 1931 wohnten sie in der
Besselstraße 13, danach in der Heidestraße 14. Beide
Ehepartner engagierten sich in der jüdischen Gemeinde: Else
gehörte zum Vorstand des "Israelitischen Frauenvereins",
Max gehörte zum Hauptvorstand der Gemeinde und war
Vorstandsmitglied im "Centralverein Deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens (CV)". Else Weinberg blieb nach ihrer
Heirat Hausfrau. Ihr Mann, ausgebildeter Kaufmann, stieg als
Teilhaber in die Rohproduktenhandlung Samuel Salomon in Minden,
Königswall 5-9, ein, in der Arthur Salomon Miteigentümer
war.
Nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 wurde das
Unternehmen immer stärker boykottiert, so dass die
Geschäftstätigkeit fast zum Erliegen kam. Als die
NS-Regierung die Wichtigkeit solcher Betriebe für die Aufrüstung
und Kriegsvorbereitung erkannte, begann die Verfolgung der jüdischen
Eigentümer mit dem Ziel, sie zu verdrängen und durch
"arische" Eigentümer zu ersetzen. Das gelang im
Dezember 1938. Das Unternehmen musste zwangsweise verkauft werden;
Käufer war der Mindener Kaufmann Fritz Berg.
Bereits
früher, nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938,
wurde Max Weinberg gemeinsam mit Arthur Salomon verhaftet und in das
KZ Buchenwald verschleppt, wo er brutal misshandelt wurde. Im
Dezember durfte er in seine Wohnung zurückkehren, jedoch nicht
mehr in sein inzwischen "arisiertes" Geschäft.
Am
13. Dezember 1941 wurden Max und Else Weinberg in das Ghetto Riga
deportiert. Zu einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt wurden beide
später in das KZ Kauen (polnisch: Kowno) eingeliefert. Hier
wurden sie getrennt. Else Weinberg wurde am 19. Juli 1944 mit der
Häftlingsnummer 48504 von Kauen in das KZ Stutthof bei Danzig
deportiert. Ihr Todestag und -ort wie die Umstände ihres Todes
sind nicht bekannt. Sie starb entweder in Stutthof oder nach
Auflösung des Lagers im Januar 1945 auf einem der berüchtigten
Todesmärsche nach Westen. Max Weinberg wurde am 29. Juli 1944
von Kauen in das KZ Dachau deportiert. Mit der Häftlingsnummer
85015 wurde er dem Außenkommando Kaufering zugewiesen. Er starb
dort am 20. Oktober 1944. Die Umstände seines Todes sind
unbekannt. Sein Geschäftspartner Arthur Salomon wurde in
Treblinka ermordet; für ihn liegt ein Stolperstein vor dem Haus
Marienstraße 28.
Nach der Deportation des Ehepaares
Weinberg nach Riga wurde ihr Haus samt Einrichtung beschlagnahmt und
enteignet. Neuer Eigentümer war der in Minden und Umgebung als
brutaler Schläger berüchtigte SA-Standartenführer
Wilhelm Freimuth. Freimuth fiel zu Anfang des Krieges in Polen. 1956
mussten seine Witwe und ihre sieben Kinder das Haus nach einem
siebenjährigen Rückerstattungsverfahren räumen und an
die Erben von Else Weinberg zurückgeben.
Arthur
Salomon
Der jüdische Unternehmer Arthur Salomon
wurde am 31. August 1876 in Minden als Sohn von Samuel und Henriette
Salomon geboren. Er besuchte die höhere Schule bis zur mittleren
Reife und absolvierte danach eine kaufmännische Lehre. Er blieb
unverheiratet. Bis 1927 wohnte er im elterlichen Haus in der
Immanuelstraße 16, danach in der Marienstraße 28.
Zusammen mit seinem Bruder Max betrieb er die ererbte
Rohproduktenhandlung Samuel Salomon am Königswall 5 bis 9. Zum
Unternehmen gehörte auch das Firmengrundstück
Festungstrasse 10. Gegenstand des Geschäfts war der Handel mit
Altmaterialien verschiedener Art: Metalle, Textilien, Papier, Glas.
Wir würden es heute als Recyclingunternehmen bezeichnen. Nach
Max' Tod 1923 nahm er den jüdischen Kaufmann Max Weinberg als
Mitinhaber in das Unternehmen auf. Sie arbeiteten sehr erfolgreich,
so dass nicht nur das Unternehmen florierte, sondern Arthur Salomon
auch privat in guten wirtschaftlichen Verhältnissen leben
konnte, wovon eine überdurchschnittlich eingerichtete
4-5-Zimmer-Wohnung zeugte.
Nach 1933 litt das Geschäft
zunächst unter den antijüdischen Boykottmaßnahmen.
Als die NS-Regierung die Bedeutung solcher Unternehmen für den
Aufbau der Kriegswirtschaft und die Aufrüstung erkannte, begann
die persönliche Verfolgung der jüdischen Inhaber mit dem
Ziel, sie zu verdrängen und durch "arische"
Eigen-tümer zu ersetzen. Arthur Salomon wurde nach der
Pogromnacht am 10. November 1938 mit vielen anderen jüdischen
Männern Mindens in das KZ Buchenwald verschleppt, aus dem er
nach Misshandlungen nach Minden, jedoch nicht in sein Geschäft,
zurückkehren konnte. Das wurde im Dezember 1938 "arisiert";
es musste zwangsweise verkauft werden. Erwerber war der Mindener
Kaufmann Fritz Berg. Das Unternehmen Samuel Salomon wurde am 15.
Februar 1939 im Handelsregister gelöscht.
Über das
Schicksal Arthur Salomons geben die Quellen unterschiedliche
Auskünfte. Eine Quelle sagt aus, er sei am 31. März 1942
nach Warschau deportiert worden und später in Minsk verschollen;
eine andere nennt Theresienstadt als Ort seines Todes. Als gesichert
kann die Auskunft des Internationalen Suchdienstes in Arolsen gelten,
wonach er im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde. Lt. dieser
Auskunft kam er am 1. August 1942 mit Transport XI/1 in das
Konzentrationslager Theresienstadt; am 23. September 1942 wurde er
von dort mit der Transport-Nr. 483-XI/1 nach Treblinka überstellt.
Dieser Transport mit der Bezeichnung "Bq" galt nach einer
Mitteilung des tschechoslowakischen Roten Kreuzes vom 25. Mai 1951
als Todestransport.
Die Wohnungseinrichtung und das sonstige
private Vermögen Arthur Salomons wurden nach seiner Deportation
enteignet und versteigert.
Sein Teilhaber Max Weinberg wurde
im KZ Dachau ermordet; für ihn liegt ein Stolperstein vor dem
Haus Heidestraße 14.
In den 1950er Jahren machten drei
Erbinnen Arthur Salomons, die das Naziregime überlebt hatten,
Ansprüche auf Rückerstattung des "arisierten"
Unternehmens geltend. Kaufmann Fritz Berg, der damalige Erwerber,
bezahlte insgesamt 36.000,- DM an sie, um damit ihre Ansprüche
abzugelten
Familie
Simon
Zur jüdischen Familie Simon, die im Hause
Kampstraße 34 wohnte, gehörten die Eltern Max und Johanna
sowie der Sohn Alfons Amschel. Eigentümerin dieses Hauses war
die "arische" Deutsche Johanne Seller.
Max Simon
wurde am 20. oder 23. September 1880 in Minden geboren. Er war
Friseur und gleichzeitig Inhaber eines Puppengeschäftes;
außerdem restaurierte er Puppen. Sein Geschäft betrieb er
auch in diesem Hause. Am 20. September 1905 heiratete er die am 30.
Mai 1874 geborene Johanna Nußbaum; sie stammte aus Salzkotten
Krs. Büren. Am 25. November 1908 bekamen sie ihr einziges Kind,
den Sohn Alfons Amschel. Dieser wurde Schlachter und Viehhändler
und betrieb seit 1927 auch ein Handelsgeschäft mit Fellen.
Nach 1933 litten die Familie Simon und ihr Geschäft
unter den zunehmenden antijüdischen Aktivitäten und
Maßnahmen. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938
stürmte der Mob Geschäft und Wohnung; die Ladeneinrichtung
und die Puppen wurden zerstört, Schaufenster und Scheiben wurden
zerschlagen. Am 10. November wurden Max Simon und sein Sohn Alfons
verhaftet; zwei Tage später wurden sie zusammen mit mehreren
anderen männlichen Juden aus Minden in das KZ Buchenwald
verschleppt, wo sie brutalen Misshandlungen ausgesetzt waren. Am 15.
Dezember 1938 wurde Max Simon hier ermordet. Seine Leiche wurde
verbrannt; die Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Minden
beigesetzt.
Alfons Simon kehrte aus dem KZ Buchenwald nach
Minden zurück und wohnte zunächst wieder bei seiner Mutter.
Im Jahre 1939 mussten sie die Wohnung verlassen und in das sog.
"Judenhaus" in der Kampstraße 6 umziehen. Hier wurden
sie gemeinsam am 31. März 1942 verhaftet und anschließend
in das Ghetto Warschau deportiert. Während Johanna Simon hier
noch am 24. Mai 1942 von Augenzeugen gesehen wurde, verliert sich die
Spur von Alfons Simon. Beide sind im Warschauer Ghetto umgekommen.


Familie
Ingberg
Hirsch (Herz) Wolf Ingberg wurde am 15. September
1870 in Warschau (Polen) geboren. Als Kaufmann ließ er sich in
Minden nieder und betrieb anfangs eine Altwarenhandlung, ein
Trödlergeschäft, an der Kampstraße 24, später
dann ein Geschäft für Schuhe und Konfektion an der
Simeonstraße 8. Mit seiner Familie lebte er im Haus Kampstraße
32. Hirsch Wolf Ingberg war in mit Soscha (Sosse) Ingberg geb.
Klepfisch, geboren am 25. Juli 1886 in Warschau (Polen), verheiratet.
Sie hatten vier Kinder: Die älteste Tochter, geboren 1918,
konnte in die USA auswandern; die drei jüngeren Geschwister
überlebten die Verfolgung durch das NS-Regime nicht: Moritz
Isaak Ingberg, geboren am 10. Februar 1921, besuchte bis 1935 die
Knaben-Mittelschule und schloss im März 1938 eine Lehre als
Polsterer und Dekorateur ab; David, geboren am 11. Februar 1926, und
Erika, geboren am 26. Juli 1928, gingen auf die Heideschule, bis sie
am 15. November 1938 als Juden der Schule verwiesen wurden.
Am
28. Oktober 1938 wurde Hirsch Ingberg zusammen mit den drei jüngeren
Kindern nach Zbaczyn (Bentschen, Polen) deportiert. Anfang Juli 1939
kehrte er noch einmal allein nach Minden zurück, um sein
Vermögen zu liquidieren. Zusammen mit seiner Frau wurde er dann
am 17. Juli 1939 nach Zbaczyn (Bentschen, Polen) abgeschoben und nach
dem Angriff der deutschen Truppen auf Polen Anfang September 1939 ins
Ghetto bzw. Konzentrationslager Otwock im Kreis Warschau verbracht.
Dort verstarb Hirsch Wolf Ingberg am 15. Januar 1943: Die genaueren
Umstände seines Todes sind nicht bekannt. Am 24. Oktober 1947
wurde Hirsch Ingberg für tot erklärt. Ob Soscha Ingberg in
Otwock starb oder ob sie zusammen mit den drei Kindern ins Warschauer
Ghetto verbracht wurde, ist nicht geklärt. Sie wurde am 16.
September 1949 für tot erklärt, weil sie nicht aus dem
Lager zurückkehrte. Moritz, David und Erika werden den Aufstand
im Warschauer Ghetto der im April 1943 von den Nationalsozialisten
brutal niedergeschlagen wurde, nicht überlebt haben. Sie wurden
zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Hirsch Wolf
Ingbergs Kinder aus seiner ersten Ehe überlebten den Holocaust:
Eine Tochter wanderte in die USA, eine andere Tochter und ein Sohn
wanderten nach Brasilien aus, und ein Sohn, Max Ingberg, der nicht
nur als Jude, sondern auch als Sozialdemokrat verfolgt wurde,
überlebte im Untergrund in Belgien, von wo er nach dem Ende des
NS-Terrorregimes nach Minden zurückkehrte - und in der
Simeonstraße 8, wo sein Vater das Bekleidungsgeschäft
hatte, lebte.

Ehepaar
Rosenfeld
Im Hause Kampstraße 26 lebte die jüdische
Familie Rosenfeld. Der Vater, Philipp Rosenfeld, wurde am 13. März
1856 im benachbarten Cammer geboren, seine Ehefrau Paula geb. Klein
am 2. Dezember 1870 in Bommern bei Witten an der Ruhr. Das Ehepaar
hatte drei Kinder: Moritz, geboren am 23. März 1891, Martha,
geboren am 11. Januar 1893, und Erna, geboren am 11. März 1894.
Philipp Rosenfeld war selbstständiger Viehkaufmann.
Seine Geschäfte verliefen sehr erfolgreich, so dass die Familie
in sehr guten Verhältnissen leben konnte. Ab 1937
beeinträchtigten die zunehmenden antijüdischen Maßnahmen
der Nationalsozialisten immer stärker das Geschäft, bis
Philipp am 1. Juli 1938 zur Abmeldung des Gewerbes gezwungen wurde.
Nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das
Ehepaar Rosenfeld , wie viele Juden in Deutschland, zur Zahlung einer
Sonderabgabe gezwungen, mit der die von SA und SS angerichteten
Schäden an jüdischem Eigentum beglichen werden sollte; bei
ihm waren es 6.750,- RM.
Nach Auskunft des Bundesarchivs in
Koblenz wurde das Ehepaar Rosenfeld am 31. Juli 1942 von der Gestapo
verhaftet und mit einem Sammeltransport über Bielefeld in das
Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Der gesamte Hausrat
wurde beschlagnahmt und versteigert. In Theresienstadt kam Philipp
nur zwei Wochen später am 15. August 1942 um; Paula starb dort
am 6. Januar 1943. Über die Umstände ihres Todes ist nichts
bekannt.
Ihre drei Kinder konnten Deutschland rechtzeitig
verlassen und deshalb das Naziregime überleben.
Familie
de Jonge
Im Hause Kampstraße 26, das nicht mehr
existiert, wohnte von Februar 1940 bis Juli 1942 auch das jüdische
Ehepaar de Jonge mit einem Sohn. Die Familie war aus Weener in
Ostfriesland nach Minden verzogen.
Der Ehemann, Benjamin de
Jonge, wurde am 29. März 1873 in Weener geboren, wo er 67 Jahre
wohnen blieb. Er betrieb einen Viehhandel, wahrscheinlich auch noch
eine Landwirtschaft und eine Schlachterei. Er war verheiratet mit
Sara geborene de Levie, die am 19. Dezember 1881 in Ihrhove im Kreis
Leer/Ostfriesland geboren war. Das Ehepaar hatte vier oder fünf
Kinder. Samuel, Budi genannt, wurde am 1. Juli 1903 geboren, Amalie,
Mali genannt, am 19.Mai 1906 und Henry am 20. September 1910. Nur für
diese drei Kinder sind die Daten überliefert. Samuel kam 1942 in
Warschau um; Amalie und Henry wurden 1942 in Auschwitz ermordet. Von
der Tochter Frieda wissen wir nur, dass sie nach ihrer Heirat
Rosengarten hieß und vermutlich nach England emigrierte.
Möglicherweise hatte das Ehepaar de Jonge noch ein fünftes
Kind, dessen Existenz aber nicht gesichert ist.
Nach 1933
litt das Geschäft von Benjamin de Jonge unter den antijüdischen
Boykottmaßnahmen; 1938 wurde er zur Aufgabe des Geschäftes
gezwungen. Im Februar 1940 wurden Benjamin und Sara de Jonge aus
Weener ausgewiesen; sie zogen nach Minden, wo sie bei ihrer
Verwandten Eva Rosenfeld geb. de Jonge unterkamen. Am 28. Juli 1942
wurden sie mit dreißig weiteren Mindener Jüdinnen und
Juden von der Gestapo verhaftet und über Bielefeld in das KZ
Theresienstadt deportiert. Zu einem nicht bekannten Datum wurden
beide weiter nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich am 15. Mai
1944 ermordet wurden.
Der älteste Sohn, Samuel, hatte in
Weener im väterlichen Geschäft als Viehhändler
gearbeitet. 1938 wurde ihm die Handelserlaubnis entzogen; er wurde
zur Zwangsarbeit in Wilhelmshaven eingesetzt. Später kehrte er
nach Weener zurück und wurde dann, wie seine Eltern, im Februar
1940 ausgewiesen. Er ging zunächst nach Bremen und zog später
zu seinen Eltern nach Minden, wo er auch in der Wohnung von Eva
Rosenfeld unterkam. Am 31. März 1942 wurde er nach Warschau
deportiert, wo er zu einem unbekannten Datum umkam.
Eva
Rosenfeld geb. de Jonge
Hier im früheren Hause
Kampstraße 26 wohnte auch die Jüdin Eva Rosenfeld geb. de
Jonge. Über sie sind nur sehr wenige Informationen erhalten.
Sie wurde am 3. Februar 1877 in Weener/Ostfriesland geboren.
Sie heiratete sehr früh den Schlachter Julius Rosenfeld und
wurde schon bald nach ihrer Heirat, 1917, Witwe, als ihr Mann im 1.
Weltkrieg in Frankreich fiel. Wann sie nach Minden verzog, ist nicht
festzustellen. Sie wohnte zunächst in der Obermarktstraße
9 und ab 1938 hier im Hause ihrer Verwandten. Ende Juli 1942 sollte
sie, wie 32 weitere Jüdinnen und Juden in Minden, verhaftet und
in das KZ Theresienstadt deportiert werden. Sie wählte am 27.
Juli 1942 den Freitod.
Emil
und Käthe Kahn
Im Haus Kampstraße 26 wohnte
für zweieinhalb Jahre auch das jüdische Ehepaar Kahn, bevor
es nach Riga deportiert wurde.
Emil Kahn stammte aus
Heidelberg-Rohrbach, wo er am 7. Oktober 1893 geboren wurde. Von
Beruf war er Holzarbeiter. Über seinen beruflichen Lebensweg bis
1934 liegen keine Unterlagen mehr vor. Ab April 1934 arbeitete er bei
der Firma Gebrüder Thalheimer in Wiedenbrück. Dieses
Unternehmen befand sich in jüdischem Eigentum und wurde im
November 1938 "arisiert". Daraufhin wurde Emil Kahn als
Jude entlassen. Er zog dann zu einem unbekannten Zeitpunkt nach
Frille, wo er im Haus Nr. 17 wohnte. Aus einer früheren Ehe
hatte er drei Kinder: Friedrich Max, Fred genannt, Sophie und Anselm,
die Deutschland rechtzeitig verlassen und so den Holocaust überleben
konnten.
Am 2. Juni 1939 heiratete er Käthe Meyer, die
am 13. September 1905 in Frille geboren wurde. Sie war Hausgehilfin.
Über ihren Lebensweg bis 1938 ist nichts bekannt. Am 1.
September 1938 zog sie, wahrscheinlich aus Herford kommend, nach
Minden, wo sie zunächst in der Ringstraße 26 wohnte. Nach
der Heirat wohnten Emil und Käthe dann in der Kampstraße
26.
Am 13. Dezember 1941 wurden 25 Mindener Jüdinnen und
Juden, darunter auch das Ehepaar Kahn, von Bielefeld in das Ghetto
Riga deportiert. Käthe wurde am 9. August 1944 von dort in das
KZ Stutthof verlegt, wo sich ihre Spur verliert. Sie wurde zum 8. Mai
1945 für tot erklärt. Ihr Mann Emil wurde zunächst zu
einem unbekannten Zeitpunkt ebenfalls nach Stutthof verlegt und von
dort am 16. August 1944 in das KZ Buchenwald. Dort wurde er
vermutlich am 21. Februar 1945 ermordet.
Emil Kahn war
Eigentümer eines Hauses in Heidelberg, das zwangsenteignet und
"arisiert" wurde. Nach dem Kriege wurde es an seine Kinder
rückerstattet, die für die ebenfalls enteignete Einrichtung
eine Entschädigung von 7.000,- DM erhielten.
Ehepaar
Leeser
Im Hause Kampstraße 27 befand sich bis 1938 die
Praxis des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Eugen Leeser. Er wohnte
hier auch mit seiner Familie.
Eugen Leeser wurde am 17. März
1883 in Dülmen Kreis Coesfeld geboren. Er studierte in München,
Berlin und Münster Rechtswissenschaften. Am 27. August 1906 trat
er in den Justizdienst ein und wurde an mehreren westfälischen
Gerichten ausgebildet. Am 23. Dezember 1912 erhielt er die Zulassung
als Rechtsanwalt, zunächst in Hagen, dann, am 12. März
1919, in Minden. Ein Jahr später erhielt er auch die Zulassung
als Notar.
Während seiner Referendarzeit leistete er
seinen Militärdienst vom 1. Oktober 1906 bis zum 30. September
1907 beim Königlich Bayerischen Feldartillerie-Regiment in
Fürth. Er verließ den Dienst als Unteroffizier. Während
des Ersten Weltkriegs kämpfte er an verschiedenen Schauplätzen
in Frankreich; 1917 wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und dem
Bayrischen Militärverdienstkreuz ausgezeichnet.
Nach der
Demobilisierung kam er nach Minden, wo er von nun an als Rechtsanwalt
und Notar arbeitete. Er engagierte sich in der Mindener jüdischen
Gemeinde, in der er stellvertretender Vorsitzender des
"Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens (CV)" war. 1924 heiratete er die am 14. November 1891
in Münster geborene Elisabeth Meyer. Auch sie war Jüdin.
Das Ehepaar bekam zwei Söhne: Der ältere, Hans, wurde am
11. September 1925 geboren, der jüngere, Gerhard, am 3. November
1926.
1934 musste auch Eugen Leeser, wie alle Anwälte,
den Treueeid auf den Führer Adolf Hitler leisten. Grundlage war
das nach dem Tode des Reichspräsidenten Hindenburg erlassene
"Gesetz über die Vereidigung der Beamten und Soldaten"
vom 20. August 1934. Seine Praxis litt dennoch unter den
antijüdischen Boykottmaßnahmen. Am 14. November 1935 wurde
ihm das Amt des Notars entzogen. 1938 wurde er auch aus seinem Beruf
als Rechtsanwalt verdrängt; er durfte nur noch als "jüdischer
Rechtskonsulent" arbeiten und nur jüdische Mandanten
vertreten.
In der Anwaltspraxis von Eugen Leeser arbeitete
ein zweiter jüdischer Rechtsanwalt, Dr. Gerhard Caspary. Dieser
erhielt schon im Mai 1933 Berufsverbot und verließ rechtzeitig
Deutschland; er emigrierte nach Brasilien und lebte nach dem Kriege
in Sao Paulo.
Eugen Leeser wurde, wie viele andere Juden,
nach der Pogromnacht am 10. November 1938 von der Gestapo verhaftet.
Er wurde zunächst nach Bielefeld und von dort in das
Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Nur wenige Tage später,
am 20. November 1938, ist er dort unter ungeklärten Umständen
umgekommen. Die offizielle Todesursache lautete "Schlaganfall".
Seine Leiche wurde verbrannt. Das war üblich, um Nachforschungen
der Angehörigen unmöglich zu machen. Die Urne wurde auf dem
jüdischen Friedhof in Minden beigesetzt.
Am 1. Dezember
1938 wurde Dr. Eugen Leeser nachträglich aus der Liste der
Rechtsanwälte gestrichen.
Seine Witwe, Elisabeth Leeser,
lebte allein in der eigenen Wohnung weiter. Die beiden Söhne
konnten 1938 als Zwölf- bzw. Dreizehnjährige mit einem der
Kindertransporte Deutschland verlassen; sie kamen nach England und
haben so das Naziregime überlebt. Die Unterlagen geben über
das weitere Schicksal von Elisabeth Leeser keine eindeutige Auskunft.
Sicher ist, dass sie nach der Verhaftung durch die Gestapo über
Bielefeld in das Ghetto Riga und weiter in das Konzentrationslager
Stutthof deportiert wurde. Ob ihre Verschleppung aus Minden am 13.
Dezember 1941 oder im Sommer 1943 geschah, ist nicht zweifelsfrei
festzustellen. Die Mindener Jüdin Meta Blau geborene Samuel, die
nach dem Kriege nach Minden zurückkehren konnte, hat
eidesstattlich versichert, Elisabeth Leeser in Stutthof gesehen und
gesprochen zu haben. Sie habe gesehen, dass sie eines Tages zu einem
Vernichtungstransport eingeteilt worden und nicht wieder
zurückgekehrt sei. Elisabeth Leeser wurde amtlich zum 8. Mai
1945 für tot erklärt.
Nach der Verschleppung
Elisabeth Leesers wurde der Hausrat der Familie beschlagnahmt. In dem
Entschädigungsverfahren, das die beiden Söhne nach dem
Kriege anstrengten, stellte sich heraus, dass das gesamte sehr
wertvolle Eigentum weit unter Wert für 381,- RM von der Stadt
Minden ersteigert worden war; der Erlös war an die
Oberfinanzdirektion Münster geflossen. Wer die einzelnen Teile
des Hausrats bekommen hat, war nicht mehr festzustellen. Die beiden
Söhne erhielten als Erben eine Entschädigung von zusammen
2.000,- DM.

Ehepaar
Meyer
Im Hause Kampstraße 27 wohnten vor ihrer
Deportation auch Dr. Max Meyer und seine Frau Elfriede. Hier war ihre
letzte selbst gewählte Wohnung.
Max Meyer wurde am 1.
Juni 1885 als Kind jüdischer Eltern in Münster geboren.
1904 legte er dort am Städtischen Gymnasium das Abitur ab.
Vermutlich zu diesem Zeitpunkt konvertierte er zum evangelischen
Glauben. Ab 1904 studierte er Rechtswissenschaften in Freiburg,
München, Berlin und Münster. 1907 schloss er sein Studium
mit der Ersten Staatsprüfung ab; 1910 promovierte er zum Dr.
jur. Bis 1919 vervollständigte er seine Ausbildung an
verschiedenen westfälischen Gerichten, bevor er 1920 die
Zulassung als Rechtsanwalt und 1925 die als Notar erhielt.
1907/08
leistete er den Militärdienst beim 1. Bayrischen
Infanterieregiment in München ab. Er nahm am 1. Weltkrieg als
Offizier und Kompanieführer teil und wurde mit dem Eisernen
Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet.
1919 heirateten Max
Meyer und die am 3. Februar 1896 geborene Elfriede Feibes. Sie war
und blieb Jüdin. Nach ihrem Abitur an der Evangelischen Höheren
Töchterschule in Münster betreute sie während des
Krieges Kleinkinder. Im Wintersemester 1918/19 begann sie ein
Medizinstudium, das sie nach drei Semestern abbrach, als sie
heiratete. Elfriede Meyer litt wohl schon seit den zwanziger Jahren
an einer chronischen Erkrankung des Nervensystems, die sich weiter
verschlimmerte und fast bis zur Erblindung führte. Sie war
deshalb über einen langen Zeitraum pflegebedürftig.
Aus
der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Friedrich, genannt Fritz, wurde am
9. Oktober 1921 geboren, seine Schwester Ursula am 27. Mai 1925.
Beide konnten 1939 rechtzeitig aus Deutschland nach England
emigrieren und so das Naziregime überleben.
Die Familie
wohnte in Münster in der Rudolfstraße 20, wo Dr. Max Meyer
auch seine Anwaltspraxis betrieb. Das Haus war Eigentum seiner Frau.
Max Meyer musste 1934 den Treueeid auf den "Führer"
Adolf Hitler leisten. Noch im Dezember 1934 (!) wurde ihm das
"Ehrenkreuz für Frontkämpfer" verliehen. Trotzdem
wurde ihm 1935 die Zulassung als Notar entzogen, 1938 auch die als
Rechtsanwalt. Bis Ende Januar 1939 durfte er nur noch als "jüdischer
Rechtskonsulent" tätig sein, danach war er berufslos.
Nach der Pogromnacht 1938 erwog die Familie die Auswanderung
aus Deutschland. Der Plan scheiterte, weil sie durch die erzwungene
Zahlung der "Judenvermögensabgabe" in Höhe von
52.000,- RM und der "Reichsfluchtsteuer" sowie die Sperrung
des restlichen Vermögens mittellos geworden war.
Anfang
1940 zog Elisabeth Leeser, die Schwester Max Meyers, nach der
Ermordung ihres Mannes Eugen Leeser von Minden nach Münster, wo
sie im Hause des Ehepaares Meyer unterkam. Dieses Haus wurde im Juli
1941 bei einem Bombenangriff zerstört. Die Bewohner wurden in
ein sog. "Judenhaus" in Münster eingewiesen. Ende
August 1941 durften Max und Elfriede Meyer zusammen mit Elisabeth
Leeser nach Minden umziehen, wo sie jetzt im Hause Kampstraße
27 lebten, das Elisabeth Leeser gehörte. Am 1. Mai 1942 wurden
sie in das jüdische Gemeindehaus in der Kampstraße 6, das
von den Nazis zu einem der sog. "Judenhäuser" Mindens
umfunktioniert worden war, zwangseingewiesen.
Am 28. Juli
1942 wurde das Ehepaar Meyer verhaftet und zusammen mit vielen
anderen Jüdinnen und Juden aus Minden zunächst nach
Bielefeld verbracht, von wo sie drei Tage später in das KZ
Theresienstadt deportiert wurden. Einige Tage vor der Deportation
verabschiedete sich Max Meyer von einem nichtjüdischen Bekannten
in Minden mit den Worten: "Was habe ich Unrecht getan, dass wir
so leiden müssen? Ich bin Kriegsbeschädigter und habe meine
Gesundheit für mein Vaterland geopfert." Er kam am 29.
Januar 1944 im KZ Theresienstadt um. Elfriede Meyer wurde am 16.
Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich gleich nach
ihrer Ankunft ermordet wurde.

Schwestern
Emma Friederike und Frieda Meier
Wahrscheinlich seit 1939
wohnten im Hause Kampstraße 27 auch die jüdischen
Schwestern Frieda und Emma Friederike Meier. Über sie sind nur
sehr wenige Unterlagen überliefert. Ihre Eltern, Moritz Meier
und Ida Meier geborene Blumenau, beide aus Minden, und auch ihr
Bruder Julius starben vor der nationalsozialistischen
Judenverfolgung. Da beide Schwestern unverheiratet blieben,
hinterließen sie keine Nachkommen. Deshalb gab es nach dem Ende
der Naziherrschaft offenbar niemand, der sich um die Aufklärung
ihrer Schicksale bemüht hätte. Sicher ist, dass es nach
1945 keine Lebenszeichen von beiden mehr gab.
Frieda Meier
wurde am 2. November 1881 in Minden geboren, Emma Friederike Meier am
23. Februar 1885 ebenfalls in Minden. Beide wohnten von Geburt an im
elterlichen Haus in der Marienstraße 14. Frieda erlernte den
Beruf einer Kontoristin; sie arbeitete als solche im Kaufhaus Alfred
Pfingst am Wesertor. Sie engagierte sich in der jüdischen
Gemeinde und war Vorstandsmitglied im "Centralverein deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV)". Emma Friederike
war von Beruf staatlich geprüfte Krankenschwester und Masseurin.
Wann die beiden Schwestern das elterliche Haus verlassen
haben und unter welchen Umständen es geschah, ist nicht exakt zu
ermitteln. Sicher ist, dass sie ab 1939 hier in der Kampstraße
27 wohnten. Wie alle Jüdinnen und Juden litten sie unter der
zunehmenden Entrechtung und Verfolgung. Wann sie deportiert wurden
und in welches Lager man sie verschleppte, ist nicht mehr zu
ermitteln, auch nicht der Zeitpunkt ihres Todes. Sie sind
verschollen.
Ehepaar
Cramer
Der für Carl Cramer gelegte Stolperstein
wurde zwischen dem 5. und dem 7. März 2011 gewaltsam entfernt
und gestohlen. Aus der Bevölkerung kam umgehend Unterstützung
für die Beschaffung eines Ersatzsteines. Wir werden dafür
sorgen, dass der Ersatzstein bis zum Sommer 2011 wieder eingesetzt
wird.
Im Hause Kampstraße 25 lebte seit 1931 die
jüdische Familie Cramer. Der Vater, der Kaufmann Carl Cramer,
wurde am 18. Juni 1872 in Neuenkirchen geboren, die Mutter, Lina
Cramer geb. Steinberg, am 23. Januar 1874 in Hohenwepel. Das Ehepaar
hatte drei Söhne: Rudolf, geb. am 20. Januar 1906, Ludwig, geb.
am 4. April 1908, und Berthold, geb. am 19. Januar 1918. Carl und
Lina Cramer waren mit den beiden älteren Söhnen 1912 von
Hohenwepel nach Minden verzogen und wohnten vermutlich zunächst
in der Pionierstraße.
Wahrscheinlich in den dreißiger
Jahren erkrankte Carl Cramer psychisch. Art, Beginn und Verlauf der
Krankheit lassen sich nicht dokumentieren, da seine Patientenakte
nicht mehr auffindbar ist; vermutlich ist sie während des
Krieges vernichtet worden. Fest steht aber, dass er am 4. März
1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Gütersloh eingewiesen wurde.
Von da an lässt sich sein weiterer Weg bestimmen.
Am 1.
September 1939 hatte Hitler in einem Geheimerlass die Ermächtigung
zur Durchführung der Euthanasie gegeben. Am 30. August 1940
ordnete der damalige Reichsinnenminister an, dass alle jüdischen
Patienten in den norddeutschen und westfälischen Heil- und
Pflegeanstalten zum Landeskrankenhaus Wunstorf überstellt werden
sollten. So kam Carl Cramer am 21. September 1940 zusammen mit
weiteren elf männlichen und sechs weiblichen Patienten von
Gütersloh nach Wunstorf. Sechs Tage später, am 27.
September 1940, wurden 158 jüdische Patienten von Wunstorf in
die Tötungsanstalt Brandenburg a. d. Havel deportiert, unter
ihnen Carl Cramer. Er wurde dort noch am selben Tage in der Gaskammer
ermordet.
Dass Brandenburg der Tötungsort war, wurde
erst später bekannt. Damals wurde den Angehörigen und auch
den Heil- und Pflegeanstalten mitgeteilt, die Deportierten seien in
die Irrenanstalt Cholm bei Lublin in Polen verbracht worden. Die
Sterbeurkunden, die meist Lungenentzündung, Lungentuberkulose
oder Fleckfieber als Todesursachen angaben, wurden auch von Lublin
mit der Post versandt. Diese Irreführung sollte verhindern, dass
Angehörige Nachforschungen anstellten.
Lina Cramer
musste nach dem Tode ihres Mannes ihre Wohnung verlassen und wurde,
wie mehrere andere Jüdinnen und Juden, in das jüdische
Gemeindehaus in der Kampstraße 6 zwangseingewiesen. Am 31. Juli
1942 wurden vermutlich über dreißig jüdische Menschen
in Minden von der Gestapo verhaftet und zunächst nach Bielefeld
und von dort in das KZ Theresienstadt deportiert. Unter ihnen befand
sich auch Lina Cramer. Am 15. Mai 1944 wurde sie von dort mit dem
Transport DZ-2151 nach Auschwitz deportiert. Hier wurde sie ermordet.
Der Tag und die Umstände ihres Todes sind unbekannt. Sie wurde
offiziell zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Die drei
Söhne des Ehepaares Cramer konnten rechtzeitig vor Kriegsbeginn
Deutschland verlassen; sie haben das Naziregime überlebt.
Ernst
und Clara Weyl
In das Haus Kampstraße 12 zog zu
einem unbekannten Datum während des Zweiten Weltkriegs das
jüdische Ehepaar Ernst und Clara Weyl ein. Sie kamen aus
Düsseldorf. Vermutlich wählten sie Minden als vermeintliche
Zuflucht, weil in der Nachbarschaft in der Kampstraße 27 der
Bruder und die Schwester von Clara lebten: Dr. Max Meyer und
Elisabeth Leeser.
Ernst Weyl, am 23. Juni 1873 geboren, wuchs
in Bocholt auf, seine spätere Frau Clara Meyer, am 21. August
1882 geboren, in Münster. Ernst erlernte in der Bocholter Firma
Weyl & Cohen den Kaufmannsberuf. Nach ihrem Verkauf im Jahr 1921
an die Karstadt AG war er dort als stellvertretender Vorstand tätig.
Ernst und Clara heirateten am 3. September 1904. Aus der Ehe
gingen 2 Kinder hervor: 1906 wurde der Sohn Werner geboren, 1911 die
Tochter Gertrud Bernhardina. Beide Kinder haben Deutschland
rechtzeitig verlassen und so den Holocaust überlebt.
Am
5. November 1938 verzog das Ehepaar Weyl von Bocholt nach Düsseldorf.
Von dort kam es während des Krieges nach Minden; es wohnte für
kurze Zeit bis zu seiner Deportation im Jahre 1942 in dem später
abgebrochenen Haus Kampstraße 12.
Über das
Schicksal des Ehepaares Weyl geben die Quellen teilweise
widersprüchliche Auskünfte. Nach einer Quelle seien sie am
31. März 1942 nach Warschau deportiert worden und später in
Minsk verschollen. Als gesichert können die Angaben zweier
anderer Quellen gelten. Danach sind sie am 1. August 1942 über
Bielefeld nach Theresienstadt deportiert worden, von wo sie am 23.
September des Jahres mit einem Todestransport in das
Vernichtungslager Treblinka verbracht wurden. Hier wurden sie
ermordet.
Bentlage,
Karl
Karl Bentlage wurde am 20. Juni 1868 in Minden geboren.
Er trug den zweiten Vornamen Heinrich. Sein Vater war der Glaser
Johann Heinrich Bentlage, als dessen Beruf in anderen Dokumenten
Schlosser genannt wird. Seine Mutter war Charlotte Luise Bentlage
geborene Böger verwitwete Thomas. Karl wurde
evangelisch-reformiert getauft. Er hatte sieben Geschwister. Zur Zeit
seiner Geburt lebte die Familie in Minden "Am Bahnhof". Er
erlernte den Beruf des Buchdruckers, den er auch über mehrere
Jahrzehnte ausübte, zuletzt als Maschinenmeister. Er blieb
ledig. Seinen Wehrdienst leistete er beim Infanterie-Regiment Nr.15
in Minden ab. Von einem Zeitpunkt an, der sich aus den Unterlagen
nicht exakt bestimmen lässt, lebte er in der Pöttcherstraße
13 bei seiner Schwester Friederike Bentlage. Einige Angaben in seiner
späteren Krankenakte lassen vermuten, dass noch weitere
Geschwister im selben Haushalt lebten.
Mitte der 20er Jahre
macht sich offenbar eine psychische Erkrankung bei Karl Bentlage
bemerkbar. Sie könnte Folge eines Arbeitsunfalls gewesen sein,
bei dem er sich Kopfverletzungen zugezogen hatte. Am 7. August 1927
wird er in das Mindener Krankenhaus eingewiesen, nachdem er lt.
ärztlichem Bericht gegenüber seiner Schwester gewalttätig
geworden war. Der behandelnde Arzt schreibt, dass seit ungefähr
fünf Jahren starke Veränderungen mit ihm vorgegangen seien:
Er sei misstrauisch und jähzornig geworden, zeige Wahnideen,
habe kaum noch das Haus verlassen und darüber auch seine Arbeit
vernachlässigt. Der Arztbericht spricht von einer
"Gemeingefährlichkeit gegenüber seinen Schwestern".
In einem späteren Brief vom 15. Dezember 1928, als Karl bereits
in einer Heilanstalt lebt, schreiben die Geschwister über diese
Zeit, dass ihnen ihr Bruder "das Leben recht schwer gemacht"
habe, "was ja durch ärztliches Zeugnis bestätigt"
sei.
Am 15. August 1927 erklärt die Polizeiverwaltung
Minden, sie habe keine Bedenken gegen seine Unterbringung in einer
Anstalt. Am 19. August 1927 wird Karl Bentlage in die
Provinzialheilanstalt Gütersloh einge- wiesen. Der
Aufnahmeschein bescheinigt "arterio-sklerotisches Irresein"
und fehlende Aussicht auf Genesung.
In den folgenden Jahren
geht aus seiner Krankenakte als stets wiederkehrende Beurteilung
hervor: Er sei ruhig und geordnet, bei seinen Arbeiten auf dem Lager
fleißig, er sei aber verschlossen, halte sich von den anderen
Patienten fern, zeige mit fortschreitender Dauer seines Aufenthaltes
in der Anstalt Wahnideen. 1941 nennt die Krankenakte ihn
"autistisch", es wird ihm Schizophrenie attestiert. Im
Dezember 1942 zieht er sich bei einem Sturz einen
Oberschenkelhalsbruch zu; er bleibt danach körperbehindert.
Am
14. Oktober 1943 wird er aus Gütersloh entlassen, zwei Tage
später wird er in die Gauheilanstalt Warta in Polen aufgenommen.
Warta gehörte unter der deutschen Besetzung Polens zum sog.
Reichsgau Wartheland. Die dort schon vorhandene Heil- und
Pflegeanstalt war zu einer der Tötungsanstalten im
nationalsozialistischen Euthanasieprogramm umfunktioniert worden. Man
muss davon ausgehen, dass Patienten, die aus Heilanstalten im
Reichsgebiet nach Warta verlegt wurden, für die Euthanasiemorde
vorgesehen waren. Das gilt wohl auch für Karl Bentlage.
Noch
am 21. Februar 1944 erhält Friederike Bentlage auf Nachfrage den
Bescheid aus Warta, der körperliche und psychische Zustand ihres
Bruders sei unverändert, er sei ruhig, bereite keine
Schwierigkeiten, habe guten Appetit und schlafe gut. Am 23. April
1944 stirbt Karl Bentlage. Über die Umstände seines Todes
gibt es keine Informationen; der Totenschein nennt als Todesursache
"Altersschwäche".
Bezeichnend ist folgender
Umstand: Den Geschwistern Bentlage wurde telegraphisch mitgeteilt,
die Beerdigung ihres Bruders sei am 27. April um 11 Uhr; die
Telegramme kamen aber erst am 26.(!) April bei ihnen an, so dass
Friederike Bentlage schreibt, wegen der zu knappen Zeit hätten
die Geschwister nicht zur Beerdigung fahren können.

Willi
Otte
An der Stelle des heutigen Robert-Nußbaum-Hauses
stand vor dem 2. Weltkrieg das Mindener Waisenhaus. Hier lebte bis
1938 Willi Otte.
Er wurde am 22. Juli 1920 unehelich in Herford
geboren. Sein Vater war nicht in der Lage, den geforderten Unterhalt
zu zahlen. Wegen seiner geistigen Behinderung wurde er als 18jähriger
Jugendlicher am 27. Juli 1938 in die Heilanstalt Wittekindshof
aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt lebte seine Mutter in den
Bethelschen Anstalten in Bielefeld. Als geistig Behinderter war er
bedroht durch die Euthanasiepolitik des Naziregimes, die die Tötung
sogenannten "lebensunwerten Lebens" betrieb. Gegen den
Willen des Wittekindshofes wurde Willi Otte am 6. November 1941 in
die "Heilanstalt" Gütersloh verlegt; am 7. Februar
1942 wurde er weiter verlegt in die "Heilanstalt"
Aplerbeck.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Euthanasieaktionen
wegen des erheblichen öffentlichen Protestes und Widerstandes
offiziell eingestellt; inoffiziell wurden sie jedoch bis zum Endes
des Nazireiches weiter geführt. Es gibt keine exakten Zahlen der
Euthanasieopfer; man muss jedoch davon ausgehen, dass wenigstens
200.000 psychisch kranke, geistig behinderte oder sozial auffällige
Menschen im Rahmen der Euthanasieaktionen in Krankenhäusern,
Heimen und Heilanstalten ermordet wurden.
Am 24. Juni 1943
wurde Willi Otte noch einmal verlegt, und zwar in die "Heilanstalt"
Egelfing-Haar bei München. Solche mehrfachen Verlegungen
erfolgten häufig, um Nachforschungen von Angehörigen zu
erschweren. In Egelfing-Haar gab es, wie in anderen
Vernichtungsanstalten auch, ein sogenanntes "Hungerhaus",
in dem man die Opfer durch gewollten und geplanten Nahrungsentzug
verhungern ließ. Hier starb Willi Otte am 25. Februar 1945.
Nachtrag:
Im Zuge unserer weiteren Forschungen nach
Mindener Euthanasieopfern stellten wir später fest, dass Willi
Ottes Mutter, Paula Gehlhaus, am 7. Juli 1934 in die
Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld-Bethel aufgenommen wurde.
Begründung: Geisteskrankheit. Von dort wurde sie am 21. November
1941 in die "Heilanstalt" Gütersloh verlegt, wo sich
zu der Zeit auch ihr Sohn befand. Am 9. Juni 1942 wurde sie noch
einmal verlegt, und zwar nach Warta/Polen. Warta gehörte während
der deutschen Besatzungszeit zum sog. "Reichsgau Wartheland".
Die dortige "Heilanstalt" war eine der Tötungsanstalten
für die Euthanasieaktionen. Dort wurde auch Willi Ottes Mutter
ermordet. Für sie liegt ein Stolperstein vor dem Haus Bachstraße
8 in Dankersen.




Familie
Werberg
In dem heutigen Eingangsgebäude des Mindener
Museums befand sich bis 1939 das Wohn- und Geschäftshaus der
jüdischen Familie Werberg. Adolf Werberg hatte das Haus 1908
gekauft. Sein Sohn Leopold Maximilian Werberg, geboren am 24. Oktober
1891, erbte das Haus und betrieb hier ein Altwarengeschäft mit
Schuhen und Konfektion. Mit ihm zusammen lebten seine Frau Bella
geborene Philipp, geboren am 25. Juni 1898, und sein 1931 geborener
Sohn Hans-Adolf.
Gleich nach der Machtübertragung an die
Nationalsozialisten 1933 kam es zu ersten antijüdischen
Ausschreitungen und Boykottmaßnahmen, von denen auch Werbergs
Familie und Geschäft betroffen waren. Beim Novemberpogrom 1938
wurden, wie in vielen jüdischen Geschäften und Wohnungen
Mindens, auch bei Werbergs die Schaufenster zerschlagen und die
Ladeneinrichtung demoliert. Leopold Maximilian Werberg wurde ins
Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und dort misshandelt; er
kehrte schwer erkrankt nach Minden zurück. Er und seine Frau
beschlossen daraufhin, den Sohn Hans-Adolf mit einem der
Kindertransporte aus Deutschland herauszubringen; er gelangte nach
England, später in die USA, und konnte so die Nazizeit
überleben.
Werbergs mussten das Haus 1939 zwangsweise an
die Stadt Minden verkaufen. Der Kaufpreis in Höhe von 7.500
Reichsmark kam jedoch nicht der Familie Werberg zugute, sondern wurde
von der Stadt einbehalten. 1952 wurde das Haus an den Sohn
zurückerstattet und 1954 von der Stadt Minden zum zweiten Mal im
Zuge der Museumserweiterung angekauft.
Leopold Maximilian und
Bella Werberg wurden im Dezember 1941 mit vielen anderen Mindener
Jüdinnen und Juden in das Ghetto Riga deportiert. Dort kamen sie
am 11. Februar 1942 um. Über die Umstände ihres Todes ist
nichts bekannt.

Josef
Schweid
Josef Schweid wurde am 1. Dezember 1902 in Warschau
(Polen) geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er als
selbständiger Vertreter/Generalvertreter tätig. Er wohnte
in der Videbullenstr. 22. 1938 wurde er vom NS-Regime als polnischer
Staatsbürger verhaftet und an die polnische Grenze abgeschoben.
Von dort konnte er sich bis in seine Geburtsstadt Warschau
durchschlagen. Im Sommer 1939 kam er mit der Genehmigung der
deutschen Behörden noch einmal nach Minden zurück, um seine
Geschäfte und privaten Angelegenheiten abzuwickeln. Bevor er
Ende August wieder nach Warschau reisen will, wird er - vermutlich am
1. oder 2. September 1939, als NS-Deutschland gerade Polen überfallen
hatte - verhaftet und ins Konzentrationslager Oranienburg deportiert.
Am 28. Mai 1942 wurde Josef Schweid im Konzentrationslager
Sachsenhausen ermordet: Er wurde auf Befehl erschossen. Seine
verwitwete Mutter sowie seine acht jüngeren Geschwister
schafften es, nach New York auszuwandern. Auch Josef Schweid hatte
für seine Auswanderung in die USA bereits im Sommer 1938
Vorsorge getroffen und war von den amerikanischen Behörden
bereits in eine Liste Einwanderungswilliger aufgenommen worden und
hatte den Bescheid erhalten, sich jederzeit für seine
Auswanderung bereit zu halten.
Ehepaar
Hartogsohn
In der Videbullenstraße 22 lebte auch das
jüdische Ehepaar Moritz und Meta Hartogsohn.
Moritz
Hartogsohn wurde am 9. Oktober 1877 in Emden geboren. Er besuchte
dort die Höhere Schule und erlernte nach dem Abschluss den Beruf
des Tabakwarengroßhändlers. Seit 1905 betrieb er in Emden
selbstständig einen Großhandel und ein Importgeschäft
für Rohtabak; er war an den Warenbörsen zugelassen.
Außerdem war er selbstständiger Vertreter einschlägiger
Firmen in Bremen und Hamburg. Am 3. Oktober 1907 heiratete er die am
9. April 1882 in Bielefeld geborene Meta Ahrendt. Sie bekamen am 10.
Juli 1908 ihren Sohn Walter. Moritz nahm als Soldat von 1914 bis 1918
am 1.Weltkrieg teil. Er wurde zum Vizefeldwebel befördert und
mit dem EK II sowie dem Frontehrenkreuz ausgezeichnet.
Im
März 1915 zog die Familie nach Minden um. Moritz Hartogsohn
gründete in der Königstraße 77, wo die Familie auch
wohnte, ein Geschäft für Tabakimport und -großhandel
und betrieb daneben auch ein Einzelhandelsgeschäft für
Tabakwaren. Er galt bald als bekannter und erfolgreicher
Geschäftsmann, so dass die Familie in einer außerordentlich
guten wirtschaftlichen Lage lebte. Nach 1933 litten Familie und
Geschäft unter den zunehmenden Verfolgungs- und
Boykottmaßnahmen. In deren Folge musste Moritz Hartogsohn 1936
sein Geschäft aufgeben. Im März 1938 oder Frühjahr
1939 (der genaue Zeitpunkt lässt sich nicht feststellen) stellte
er einen Auswanderungsantrag nach Holland. Hier lebte seit 1933 der
Sohn Walter, dem rechtzeitig die Emigration gelungen war. Die
Auswanderung wurde jedoch nicht genehmigt. Für den Antrag hatte
Moritz Hartogsohn bei der Oberfinanzdirektion Münster eine
Aufstellung seines Vermögens und seines Auswanderergutes
einreichen müssen. Diese Aufstellung bestätigte, dass die
Familie in einem überdurchschnittlich gut eingerichteten
Haushalt lebte.
Nach Kriegsbeginn musste das Ehepaar wie
viele andere Jüdinnen und Juden seine Wohnung aufgeben und in
das sog. "Judenhaus" in der Königstraße 37
umziehen, wo sie in großer Enge und unter vielen Schikanen
lebten. 1941 stellte Moritz Hartogsohn einen Einwanderungsantrag in
die USA beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart; durch den
Kriegseintritt der USA wurde dieser Antrag hinfällig.
Zum
weiteren Schicksal von Meta und Moritz Hartogsohn gibt es zwei sich
teilweise widersprechende Quellen. Nach der einen wurden sie Ende
1941 oder Anfang 1942 verhaftet und in das Ghetto Riga deportiert,
von wo sie später gemeinsam weiter in das KZ Theresienstadt
deportiert wurden. Von hier wurden sie in das KZ Auschwitz
verschleppt, wo sie ermordet wurden. Nach der anderen Quelle wurden
sie am 28. Juli 1942 verhaftet und nach Bielefeld verschleppt; von
hier wurden sie am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo
Moritz Hartogsohn am 10. November 1943 umgekommen ist. Seine Frau
Meta wurde nach dieser Quelle weiter nach Auschwitz deportiert, wo
sie am 15. Mai 1944 ermordet wurde. Beide wurden zum 31. Dezember
1945 für tot erklärt.
Wie alle Jüdinnen und
Juden verlor auch das Ehepaar Hartogsohn mit der Verhaftung und
Deportation alle Rechte an seinem Eigentum. Es wurde beschlagnahmt
und von der Stadt Minden weit unter Wert versteigert, wobei ein
großer Teil des wertvollen Hausrats und Schmucks spurlos
verschwand. Am 13. Oktober 1942 überwies die Finanzkasse Minden
241,- RM als Hausratserlös aus der Versteigerung an die
Oberfinanzkasse Münster. Sohn Walter, der das Naziregime und den
Holocaust überlebte, erhielt nach dem Kriege dafür eine
Entschädigung von 7.000,- DM.


Dina
Heinemann
Das frühere Haus Ritterstraße 11
existiert nicht mehr. Es war das elterliche Haus der Jüdin Dina
Heinemann, die vermutlich seit ihrer Geburt am 20. Februar 1872 hier
gewohnt hat. Nach Abschluss ihrer Schulzeit absolvierte sie eine
Lehre als Schneiderin. Sie blieb unverheiratet.
Während
der Zeit der Weimarer Republik war sie bekannt für ihr soziales
Engagement. So wurde sie 1919 zur Vorsteherin des 14.
Wohlfahrtsbezirks der Stadt Minden bestimmt. Dieses Engagement führte
sie auch in die Politik und zur Sozialdemokratie. Vermutlich zu
Beginn der Weimarer Republik wurde sie Mitglied des Ortsvereins
Minden der SPD. Zweimal kandidierte sie bei den Wahlen zur
Stadtverordnetenversammlung: 1924 und 1929. Aufgrund des damals
bestehenden reinen Verhältniswahlrechts, bei dem nicht Personen,
sondern Listen gewählt wurden, erreichte die SPD zu wenige
Sitze, so dass sie nicht Stadtverordnete werden konnte.
Nach
dem 30. Januar 1933 lebte Dina Heinemann zunehmend isoliert. Als
Sozialdemokratin und als Jüdin war sie doppelt vom Feindbild der
Nazis betroffen. Sie wurde diskriminiert und ausgegrenzt, schließlich
verfolgt und auch tödlich bedroht.
Am 28. Juli 1942
wurde Dina Heinemann zusammen mit 31 anderen Jüdinnen und Juden
aus Minden in das KZ Theresienstadt deportiert. Bereits einen Monat
später, am 29. August 1942, kam sie dort um.
Über die
Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.
Käthe
Löwy geb. Pincus
Im Hause Ritterstraße 11 wohnte
auch die Jüdin Käthe Löwy geb. Pincus, die Tochter von
Amalie und Abraham Pincus. Die vorhandenen Akten sagen nur sehr wenig
über sie aus.
Käthe Pincus wurde am 22. Juni 1882
in Greifenhagen/Pommern geboren. (Das Gedenkbuch des Bundesarchivs
nennt Greifenberg in Pommern als Geburtsort) Sie hatte einen Bruder,
Gustav, der mit seiner Familie unter dem Naziregime nach Warschau
deportiert wurde und dort umkam. Am 5. September 1911 heiratete sie
in Berlin Max Löwy. Wann ihr Mann verstarb, ist unbekannt, aber
sie war Witwe, als sie 1924 zusammen mit ihren Eltern von Hausberge
nach Minden umzog, zunächst in die Simeonstraße 13. Seit
1939 wohnte sie, wie ihre Eltern, im Hause Ritterstraße 11.
1941 starb ihr Vater; er ist auf dem jüdischen Friedhof in
Minden begraben.
Zusammen mit ihrer Mutter wurde Käthe
Löwy am 28. Juli 1942 verhaftet und nach Bielefeld abgeschoben.
Am 31. Juli 1942 folgte unter der Transport-nummer XI/1-315 die
Deportation in das KZ Theresienstadt. Hier wurde Käthe Löwy
am 7. April 1944 ermordet. Wenige Tage vorher war auch ihre Mutter
hier ermordet worden.
Amalie
Pincus geb. Posener
Bei den biographischen Angaben zu Amalie
Pincus widersprechen sich die Quellen teilweise. Sie wird sowohl
"Pincus" wie auch "Pinkus" genannt, ihr
Geburtsname sowohl als "Posener" wie als "Posner"
angegeben. Auch ihr Geburtsdatum und Geburtsort unterscheiden sich in
den Quellen: Lt. AfW-Akte und Meldekartei wurde sie am 3. April 1861
(!) in Greifenberg Krs. Angermünde/Pommern geboren, lt.
Gedenkbuch am 3. April 1860 (!) in Schwiebus/Pommern. Dennoch steht
zweifelsfrei fest, dass alle Quellen von derselben Person sprechen.
Die Widersprüche sind wahrscheinlich auf Fehler in der
Aktenführung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen.
Amalie Posener war Jüdin. Sie heiratete am 6. September
1881 den Kaufmann Abraham Pincus in Greifenhagen/Pommern. Sie blieb
Hausfrau. Zwei Kinder aus der Ehe hatten später auch unter dem
nationalsozialistischen Terrorregime zu leiden: Tochter Käthe,
am 22. Juni 1882 geboren, führte nach ihrer Heirat den Namen
Löwy; sie wurde am 7. April 1944 im KZ Theresienstadt ermordet.
Sohn Gustav, geboren am 21. Oktober 1885, kam 1943 im Warschauer
Ghetto um. Das Ehepaar Pincus muss noch eine weitere Tochter gehabt
haben, über die allerdings keine Unterlagen vorliegen. Es ist zu
vermuten, dass diese geheiratet hat und danach den Namen Meyer
führte. Jedenfalls strengten nach dem Kriege auch drei
Enkelkinder der Amalie Pincus, die alle den Geburtsnamen Meyer
führten, erfolgreiche Wiedergutmachungsverfahren an.
Wann
das Ehepaar Pincus Pommern verließ, ist nicht exakt
festzustellen. Sicher ist, dass es 1923 von Berlin nach Hausberge
verzog, wo schon Sohn Gustav lebte.
Im Sommer 1924 zogen
Abraham und Amalie nach Minden um, zunächst in die Simeonstraße
13; 1935 wechselten sie in die Königstraße 51 und 1938
nach hier in die Ritterstraße 11. Im selben Haus wohnte auch
ihre inzwischen verwitwete Tochter Käthe Löwy.
Im
Jahr 1941 starb Abraham Pincus; er ist auf dem Mindener jüdischen
Friedhof beerdigt.
Am 28. Juli 1942 wurde Amalie Pincus
verhaftet und zusammen mit vielen anderen Jüdinnen und Juden
nach Bielefeld abgeschoben. Drei Tage später wurde sie in das KZ
Theresienstadt deportiert. Zum selben Transport gehörte auch
ihre Tochter Käthe. Lt. Gedenkbuch wurde Amalie Pincus am 22.
März 1944 dort ermordet. Die AfW-Akte sagt aus, sie sei in
Theresienstadt verschollen und zum 8. Mai 1945 für tot erklärt
worden.
Nach der Deportation wurde ihre Wohnungseinrichtung
enteignet und vom Finanzamt Minden an die Stadt Minden verkauft.
Wilhelm
Dieckmann
Wilhelm Dieckmann wurde am 1. Oktober 1858 als Sohn
des Handarbeiters Heinrich Dieckmann und dessen Ehefrau Friederike
Dieckmann geb. Rohde in Minden geboren. Er trug den zweiten Vornamen
Heinrich. Die Familie wohnte zu der Zeit im Hause Minden Nr. 520
(heute: Umradstraße 5). Wilhelm wurde evangelisch getauft. Sein
späterer Beruf war der eines Bäckereigehilfen. Er wohnte
später in der Ortstraße 5. Am 18. Juni 1901 heiratete er
in Hannover die Näherin Auguste Dorothee Emma Schulze. Aus der
Ehe gingen zwei Töchter hervor: Emma und Lina. Die Ehe wurde am
19. Juni 1913 geschieden.
Ende 1940 befindet sich Wilhelm
Dieckmann im Mindener Krankenhaus. Der behandelnde Arzt erstellt ein
Gutachten, demzufolge er seit einigen Jahren Zeichen einer
beginnenden Geisteskrankheit erkennen lässt. Er leide an Demenz
und sei anstalts-pflegebedürftig. Daraufhin wird er am 16.
Januar 1941 in die Provinzialheilanstalt Gütersloh aufgenommen,
in der er bis Oktober 1943 bleibt. Die Krankenakte aus der
Gütersloher Zeit attestiert ihm arteriosklerotische Demenz. In
den Eintragungen wird er immer wieder als völlig desorientiert,
verwirrt, gebrechlich, körperlich hinfällig bezeichnet;
gleichzeitig heißt es, er sei meist ruhig, freundlich,
zugänglich und leicht lenkbar. Im August 1942 tritt eine
linksseitige Lähmung der unteren Extremitäten hinzu; danach
ist er dauernd bettlägerig.
Am 14. Oktober 1943 wird er
in die Gauheilanstalt Warta verlegt, wo er mit einem Sammeltransport
aus Gütersloh am 16. Oktober eintrifft. Warta in Polen gehörte
unter der deutschen Besetzung zum sog. Reichsgau Wartheland. Die dort
schon vorhandene Heil- und Pflegeanstalt war im Zuge der
nationalsozialistischen Euthanasiepolitik zu einer der
Tötungsanstalten umfunktioniert worden, in die Kranke aus
Heilanstalten des Reichsgebietes verlegt wurden, um sie dort
planmäßig zu ermorden. Die Euthanasieaktionen waren zwar
1941 offiziell eingestellt worden, doch wurden sie inoffiziell bis
zum Kriegsende weitergeführt. Es gibt bis heute keine genauen
Zahlen über die Opfer, doch müssen wir davon ausgehen, dass
mehr als 200.000 kranke, behinderte oder sozial auffällige
Menschen in "Heilanstalten", Heimen und Krankenhäusern
ermordet wurden.
Wilhelm Dieckmann gehörte, wie mehrere
andere kranke Menschen aus Minden, zu ihnen. Er starb in Warta am 29.
Oktober 1943, zwei Wochen nach seiner Einlieferung. Die Todesumstände
sind nicht bekannt. Der Totenschein nennt als Todesursache
"Altersschwäche".
Willi
Wenig, gen. Wagener
geb.: 10.09.1913 in Paderborn; zuletzt
wohnhaft in Minden, Weingarten 54.
Sein Vater war der Händler
und Schirmflicker Konrad Wagener, am 16.10.1887 in Verden/Aller
geboren. Der Vater besaß einige Pferde, mit denen er seine
Waren transportierte und sie zum Verkauf anbot. Später werden
die Pferde beschlagnahmt und der Besitz enteignet.
Seine
Mutter war die Händlerin Frieda Wagener geb. Wenig, am
05.05.1886 in Aschersleben geboren. Auch sie war im Wandergewerbe
tätig. Willi wird als uneheliches Kind geboren.
Willi
Wenig war von Beruf Schlosser. Sein Vater hielt große Stücke
auf ihn. Er war gut aussehend und trat öffentlich sehr
selbstbewusst auf. Da er beruflich immer wieder in verschiedenen
Orten ambulant als Schlosser tätig war, weist sein Lebensweg
einige Brüche auf. Von seinem Verdienst konnte er seinen Vater
und andere Angehörige unterstützen.
Als die
Umsetzung des so genannten Auschwitz-Erlasses Heinrich Himmlers
erfolgt, nach dem "Zigeunermischlinge", Sinti und Roma
"Zigeuner" und nicht deutschblütige Angehörige
nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von
wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen sind. Dieser
Personenkreis wird kurz als 'zigeunerische Personen' bezeichnet. Die
Einweisung erfolgt rücksichtslos in das Konzentrationslager
Auschwitz-Birkenau II (Zigeunerlager). Die Personen sollen als
komplette Minderheit vernichtet werden.
Dieser Erlass wird
auch Willi Wenig, genannt Wagener zum Verhängnis. Obwohl es an
den Vater eine Warnung des Mindener Kripobeamten Fleßner gab,
dass man sich in Sicherheit bringen solle, es seien Verhaftungen
geplant, nahm Willi Wenig die Warnung nicht ernst genug. Als die
Polizei, für ihn doch überraschend, auftaucht, bleibt für
eine Flucht durch das Fenster keine Zeit mehr.
Am 1.März
1943 wird Willi Wenig auf Anordnung des Reichskriminalpolizeiamtes
Berlin festgenommen und als Zigeunermischling mit anderen "Zigeunern"
nach Hannover verbracht und von dort weiter nach Auschwitz
transportiert. In Auschwitz erhält Willi Wenig laut dem
Verzeichnis im "Auschwitzbuch" die Häftlingsnummer Nr.
418 und ist dort unter den unmenschlichen Behandlungen durch das
Wachpersonal und durch die dort herrschenden katastrophalen
hygienischen Verhältnissen umgekommen.
Als Sterbedatum hat
der internationale Suchdienst in Arolsen den 25.10.1943
festgestellt.
Er war zum Zeitpunkt seines Todes 30 Jahre alt.



Familie
Kirschroth
Hier befand sich vor dem 2. Weltkrieg das Schuh-
und Bekleidungsgeschäft der jüdischen Familie Kirschroth,
die auch in diesem Hause wohnte. Die Eltern waren polnischer
Herkunft. Der Vater, Samuel Kirschroth, wurde am 1. April 1893
geboren. Er kam während des 1. Weltkriegs als Kriegsgefangener
nach Minden und lernte im Gefangenenlager seine spätere Frau
Helene geborene Ingberg kennen, die dort als Dolmetscherin arbeitete.
Sie, am 15. Juni 1898 geboren, war bereits als Kind mit ihren Eltern
nach Minden gezogen. Zur Familie gehörten die drei Kinder
Isidor, geboren am 11. Februar 1919; Herbert, geboren am 22. Dezember
1920; und Charlotte, geboren am 4. September 1923.
Beide
Eltern waren engagierte Sozialdemokraten. Partei- und
Religionszugehörigkeit führten nach dem Beginn der
Nazidiktatur dazu, dass die Familie zunehmend ausgegrenzt und bedroht
wurde. Nach dem "Gesetz zur Aufhebung der Einbürgerung"
wurde den Kirschroths, wie allen osteuropäischen Juden, die
während der Weimarer Republik eingebürgert worden waren,
die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. 1938 erfolgte die
Ausweisung.
Am 28. Oktober 1938 wurde die Familie Kirschroth
verhaftet und in ein Sammellager nach Hannover gebracht. Von dort
wurde sie an die polnische Grenze deportiert und abgeschoben. Von
dieser Deportation waren insgesamt 17.000 bis 18. 000 Juden
betroffen, die, weil Polen sie zunächst nicht aufnehmen wollte,
zehn Tage lang bei Schneetreiben und Frost zwischen den Grenzen
umherirrten. Die Familie Kirschroth landete dann im
Internierungslager Sbascyn/Bentschen. Von hier konnte der ältere
Sohn Isidor nach Großbritannien ausreisen; er überlebte
als einziges Familienmitglied. Im Mai 1939 durfte Helene Kirschroth
noch einmal nach Minden reisen, um das Eigentum zu verkaufen; der
Verkaufserlös wurde jedoch einbehalten.
Nach dem
deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 gerieten
Samuel, Helene, Herbert und Charlotte wieder unter Naziherrschaft,
ihre Spur verlor sich, sie sind verschollen. Über ihr Schicksal
können nur Vermutungen angestellt werden.
Nach Verlegung
der Stolpersteine erreichte den Arbeitskreis die folgende Information
zum Schicksal der Familie Kirschroth, die auf Angaben des Sohnes
Isidor beruht: Nach Auflösung des Lagers Sbascyn/Bentschen kurz
nach Kriegsbeginn wurde die Familie in das Ghetto Miedzeszyn bei
Warschau verlegt. Nach Kriegsende erhielt Isidor über die
US-Army die Nachricht, dass dieses Ghetto nach dem Mai 1942 von der
SS überfallen worden sei und dass alle Bewohner ermordet worden
seien.


Familie
Kutschinski
Im Haus Simeonstr. 16 (bis 1920 im Haus Kampstr.
20) wohnte die jüdische Familie Kutschinski. Die drei ältesten
Kinder waren bereits nach Israel geschickt worden, als ihre Eltern,
Moses Efraim Kutschinski und Paula Kutschinski geb. Ingberg, zusammen
mit dem jüngsten Geschwisterkind Ferdinand am 28. Oktober 1938
nach Bentschen / Zbaszyn (Polen) deportiert wurden.
Moses
Efraim Kutschinski wurde am 6. Januar 1889 in Lubranice (Polen)
geboren. Er war Maßschneider für Herrenkonfektion, betrieb
aber auch ein Geschäft für Arbeitskleidung und -schuhe. Im
November 1916 heiratete er Paula (Perla) Ingberg, die am 14. Mai 1895
in Lbaszipin im Bezirk Warschau (Polen) geboren worden war. 1917
wurde der älteste Sohn, 1920 dann eine Tochter, 1921 ein
weiterer Sohn geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie
nach Israel ausgewandert waren. Der jüngste Sohn, Ferdinand
Kutschinski, wurde am 16. April 1925 wie seine Geschwister in Minden
geboren. Kurz nach der Deportation wurde in der Reichspogromnacht am
9. November 1938 das Geschäft der Familie geplündert, auch
die Wohnungseinrichtung wurde zertrümmert. Vom 12. April bis zum
18. Juni 1939 kam Moses Efraim Kutschinski noch einmal nach Minden
zurück, um die Vermögens- und Geschäftsverhältnisse
seiner Familie abzuwickeln. Nach der Rückkehr nach Bentschen /
Zbaszyn (Polen), wurde er nach dem Überfall NS-Deutschlands auf
Polen vom 1. September 1939 im Zuge des Einmarsches deutscher Truppen
zusammen mit seiner Frau in das Judenlager Hermannsbad (Zsorcinek,
Warthegau) verlegt. Der vierzehnjährige Ferdinand Kutschinski
wurde vermutlich zu diesem Zeitpunkt, auf jeden Fall aber im Jahr
1939, von seinen Eltern getrennt: Er kam nach Lbaszipin (Polen), von
wo er Ende 1941 ins Judenlager Hohensalza (Polen) verbracht wurde.
Seine Eltern wurden 1942 vermutlich von der SS verschleppt und
ermordet. Das letzte Lebenszeichen von Ferdinand Kutschinski stammt
vom Sommer (9. Juli oder 9. August) 1942. Seinem Onkel Max Ingberg
aus Minden, der als Jude und Sozialdemokrat verfolgt wurde und
deshalb nach Belgien in den Untergrund abgetaucht war und so
überlebte, schickte Ferdinand Kutschinski eine Postkarte, mit
der er seinen Onkel bat, das Internationale Rote Kreuz in die Suche
nach seinen Eltern einzuschalten. Ab hier verliert sich seine Spur
wie die seiner Eltern. Alle drei wurden in den späten 1940er
Jahren zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Hedwig
Frieda Hempel
Hedwig Frieda Hempel wurde am 3. Mai 1915 als
Tochter des selbstständigen Kaufmanns Fritz Hempell [!] und
seiner Ehefrau Frieda geb. Marpé geboren. Sie trug, wohl wegen
eines fehlerhaften Eintrags in ihrer Geburtsurkunde, den Namen
Hempel. Sie wurde evangelisch getauft. Bis zum Alter von knapp 4
Jahren lebte sie bei den Eltern in der Simeonstr. 29. Hedwig Frieda
Hempel war von Geburt an stark behindert, sowohl körperlich als
auch geistig. Aus diesem Grunde wurde sie am 28. Januar 1919 in das
damals so genannte "Blödenheim" des Wittekindshofes
aufgenommen. Hier lebte sie mehr als 22 Jahre.
Ihre
Krankenakte sagt aus, dass ihr körperliches Befinden trotz ihrer
starken Behinderungen stets gut gewesen sei. Sie wird dort als
freundlich, zugänglich und zutraulich beschrieben; es heißt
mehrfach, sie sei im allgemeinen ruhig und zufrieden. Ihr Gewicht ist
lt. Krankenakte in diesen Jahren normal.
Im November 1941
werden die meisten Pfleglinge des Wittekindshofes auf politische
Anweisung in andere westfälische Anstalten verlegt. So kommt
auch Hedwig Frieda Hempel am 4. November 1941 in die Heil- und
Pflegeanstalt Gütersloh. Es ist anzunehmen, dass diese Verlegung
in der Absicht geschah, sie im Vollzug der Euthanasieaktionen als
"lebensunwerte Person" zu töten. Diese Aktionen waren
zwar im August 1941 offiziell eingestellt worden, doch wurden sie
unter strengerer Geheimhaltung bis zum Ende des Naziregimes weiter
betrieben.
In Gütersloh verschlechterte sich der
Gesundheitszustand Hedwig Frieda Hempels dramatisch. Schon nach
kurzer Zeit vermerkt ihre Krankenakte eine starke Gewichtsabnahme und
eine erhebliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Am 21. März
1942 liegt sie lt. Krankenakte im Sterben; am 25. März stirbt
sie. Todesursache lt. Totenschein: "Marasmus bei Idiotie."
( M.: Entkräftung)
Im Friedhofsbuch der Anstalt
Gütersloh ist ihre Beisetzung im Grab Nr. 762 vermerkt. Das Grab
ist nicht mehr auffindbar.
Biographie Hedwig
Frieda Hempel (lt. Geburtsurkunde Hempel, wahrscheinlich
fehlerhafter Eintrag, Name des Vaters: Hempell [!])
geboren
am 3. Mai 1915 in Minden
Konfession: evangelisch
Wohnung:
Simeonstr. 29
Eltern: Kaufmann (selbstständig) Fritz Hempell
[!] und Frieda, geb. Marpé, beide 1941/42 gemeldet in
Königstr. 37
Lebenslauf:
28.1.1919 Aufnahme im Blödenheim des Wittekindshofes wg. Idiotie, Aufnahmenummer 1944
Befunde lt. Krankenakte zwischen Aufnahme und 1932 (stets wiederkehrend):
angeborener Schwachsinn, verkrüppelte Hände und Füße, Wolfsrachen,
völliger Sprachmangel, völlige Hilflosigkeit
Befunde lt. Krankenakte zwischen 1932 und 20.3.1941 (stets wiederkehrend):
körperliches Befinden gut, im allgemeinen ruhig und zufrieden,
freundlich und zugänglich, zutraulich, muss in allem versorgt werden.
Gewichtsentwicklung (Auswahl):
1930 (erster Eintrag) 42 kg; 1934 49 kg;
1938 48,5 kg; Dez. 1939 49,5 kg; 20.3.1941 (letzter Eintrag Wittekindshof) 47 kg
4.11.1941 Verlegung in die Heil- u. Pflegeanstalt Gütersloh; Gewicht am 12.1.1942 (erster Eintrag) 39,5 kg
17.1.1942 Anzeige an den Amtsarzt in Wiedenbrück gemäß "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses"; Vermerk: "Entlassung kommt nicht in Frage; fortpflanzungsfähig"
14.3.1942 Befund lt. Krankenakte: starke Gewichtsabnahme, erhebliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes
21.3.1942 Befund lt. Krankenakte: moribunder Eindruck, sieht sehr elend aus
25.3.1942 Tod. Todesursache lt. ärztlichem Befund: Marasmus bei Idiotie
26.3.1942 Benachrichtigung des Vaters mit Nennung des Beisetzungsdatums;Vater erscheint nicht zur Beisetzung; Beisetzung im Grab Nr. 762 (nicht mehr auffindbar)
Quellen:
Archiv Landschaftsverband Westf.-Lippe, Bestand Klinik Gütersloh,
Best. 661
LWL-Klinik Gütersloh, Friedhofsbuch
Marcel
Lilienthal
Im Haus Obermarktstraße 19 existierte
seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Bankgeschäft, das von dem
jüdischen Kaufmann Moses Lilienthal begründet worden war.
Von 1910 bis 1935 war Bruno Lilienthal der Inhaber. Ihm gehörte
auch das Haus, in dem es neben Wohnungen auch eine Filiale der
Lebensmittelkette Heinrich Hill AG gab.
Ab wann Marcel
Lilienthal hier wohnte, ist nicht mehr zu ermitteln. Über ihn
geben die vorhandenen Quellen nur sehr spärliche Auskunft. Er
wurde am 8. Januar 1922 in Berlin geboren. Er war Jude. Weder über
seine Eltern noch über seine verwandtschaftliche Beziehung zu
Bruno Lilienthal sind Unterlagen vorhanden. Sicher ist, dass er in
diesem Haus gelebt hat.
Wahrscheinlich bereits vor dem 2.
Weltkrieg emigrierte er nach Frankreich. Nach der Besetzung
Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht wurde er im Jahr 1940
verhaftet und im Lager Gurs in Südfrankreich interniert. Es ist
möglich, dass Verhaftung und Internierung durch die
französischen Behörden erfolgten. Zu einem unbekannten
Zeitpunkt wurde er von Gurs in das Internierungslager Drancy bei
Paris überstellt. Von hier wurde er am 4. September 1942 mit dem
Transport Nr. 28 nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er ermordet.
Tag und Umstände seines Todes sind nicht bekannt.
Über
das Schicksal des Bruno Lilienthal wissen wir nichts. Sein Haus in
der Obermarktstraße 19 wurde enteignet und "arisiert";
Erwerber war die Heinrich Hill AG.
Sophia Neuhaus
Im
Haus Obermarktstraße 9, dem Eigentum des Ehepaares Isidor und
Rosa Simon, wohnte auch Sophia Neuhaus. Sie war Schwester von Rosa
Simon und auch Jüdin. Sie stammte ebenfalls aus Werl-Scheidingen
im Kreis Soest, wo sie am 4. Oktober 1882 als Tochter von Abraham und
Mina Neuhaus geboren wurde. Sie blieb unverheiratet.
Über
ihre Zeit in Minden sind kaum noch Unterlagen vorhanden. So ist auch
nicht mehr zu ermitteln, wann genau sie nach Minden zugezogen ist und
ob diese Wohnung ihre erste in Minden war. Gesichert ist, dass sie in
diesem Hause seit dem 27. Dezember 1936 lebte und, wie ihre
Schwester, im Polsterei- und Tapeziergeschäft ihres Schwagers
Isidor Simon arbeitete.
Am 11. Dezember 1941 wurde Sophia
Neuhaus verhaftet und nach Bielefeld verschleppt, von wo sie am
nächsten Tag nach Riga deportiert wurde. Hier verliert sich ihre
Spur; sie hat das Lager nicht überlebt. Ihr wahrscheinlicher
Todestag ist der 16. Mai 1943.
Rosa Simon, geb. Neuhaus
Rosa
Simon wurde am 19. April 1877 in Werl-Scheidingen Kreis Soest
geboren; sie war Jüdin. Ihre Eltern waren der Händler
Abraham Neuhaus und Mina Neuhaus geb. Spiegel. Sie war Schwester von
Sophia Neuhaus. Als Jugendliche absolvierte sie eine Ausbildung zur
kaufmännischen Angestellten; sie war auch in diesem Beruf tätig.
Am 17. Mai 1919 heiratete sie in Bielefeld den jüdischen
Polsterer- und Tapeziermeister Isidor Simon, geboren am 25. Februar
1878 in Minden.
Ab 1921 ist nachgewiesen, dass ihr Mann im
Seitenflügel des Hauses Bäckerstraße 3 ein
Etagengeschäft für Betten- und Baumwollwaren sowie eine
Polsterei betrieb. Rosa Simon arbeitete im Verkauf und erledigte
Buchhaltung und Korrespondenz. 1935 kaufte das Ehepaar das Haus
Obermarktstraße 9, wo es jetzt wohnte und das Geschäft
betrieb. Rosa engagierte sich - wie ihr Mann - in der jüdischen
Gemeinde, in der sie stellvertretende Vorsitzende des Israelitischen
Frauenvereins war.
Nach der Machtübertragung an die
Nationalsozialisten wirkten sich die antijüdischen Maßnahmen
und Aktionen auch auf Geschäft und Familie der Simons aus.
Kunden blieben aus, der Umsatz sank drastisch. In der Pogromnacht vom
9. auf den 10. November 1938 wurden Geschäft und Wohnung
geplündert und demoliert. Isidor Simon wurde -wie viele
männliche Mindener Juden- in das KZ Buchenwald verschleppt, aus
dem er im Dezember wegen seines Alters und weil er im Ersten
Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, entlassen
wurde.
Das Ehepaar Simon wurde nun gezwungen, sein Geschäft
aufzugeben, es wurde "arisiert". Geschäftseinrichtung
und Vorräte wurden zwangsweise durch einen Treuhänder an
Konkurrenten verkauft, Haus und Grundstück erwarb der
Tapezier-meister Reinhold Ströber, der hier nun ein Polster- und
Dekorationsgeschäft betrieb. Der Erlös kam jedoch nicht dem
Ehepaar zugute, sondern wurde auf ein Sperrkonto bei der Dresdner
Bank in Minden eingezahlt. Von diesem Geld mussten die sog.
Juden-vermögensabgabe und die "Reichsfluchtsteuer"
bezahlt werden. Die Vierzimmer-wohnung im bisher eigenen Haus musste
das Ehepaar verlassen; es wurde gezwungen, zunächst in eine
kleinere Wohnung in der Ritterstraße, dann in das sog.
"Judenhaus" in der Königstraße 37 umzuziehen.
Hier wurden Rosa und Isidor Simon gemeinsam mit anderen Mindener
Jüdinnen und Juden am 28. Juli 1942 verhaftet und nach Bielefeld
abgeschoben; am 31. Juli wurden sie in das Konzentrationslager
Theresienstadt deportiert. Rosa Simon starb dort am 5. Juni 1944.
Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.
Isidor
Simon überlebte das Naziregime. Er wurde Anfang 1945 nach einer
Intervention des Internationalen Roten Kreuzes mit einer größeren
Gruppe von Juden aus Theresienstadt in die Schweiz abgeschoben und
wanderte 1946 in die USA aus. Auf Grund des Rückerstattungsgesetzes
der Bundesrepublik bekam er sein früheres Haus in der
Obermarktstraße 9 zurück. Er verkaufte es dann 1951 im
Vergleichswege für 8.ooo,- DM an den neuen Eigentümer, der
es auch schon 1938 im Zuge der Zwangs"arisierung" erworben
hatte.

Ernst
Lindemeyer und Getrud Lindemeyer geb. Loewenstein
Ernst
Lindemeyer wurde am 18. Juni 1884 in Petershagen geboren. 1921
heiratete er in Rößel in Ostpreußen die am 26.
September 1894 in Barten (Kreis Rastenburg) in Ostpreußen
geborene Gertrud Loewenstein.
Ernst Lindemeyer war Apotheker
und seit dem 1. September 1919 Inhaber der Löwenapotheke am
Markt 8. In diesem Haus wohnte er auch mit seiner Familie, bis er -
vermutlich nach der Auswanderung des 1922 geborenen Sohnes nach
England und mutmaßlich zusammen mit seiner Frau - zu einem
unbekannten Zeitpunkt in das ‚Judenhaus' an der Heidestraße
14 umziehen musste. Am 25. Juni 1936 wurde die Löwenapotheke
zwangsweise verpachtet, wie es das "Gesetz über die
Verpachtung und Verwaltung öffentlicher Apotheken" vom 13.
Dezember 1935 bestimmte. Am 11. Februar 1939 kam es zum Zwangsverkauf
der Löwenapotheke. Bereits zuvor, vom 9. November bis zum 31.
Dezember 1938, war Ernst Lindemeyer im Konzentrationslager Buchenwald
inhaftiert gewesen. Der gesamte Hausrat und das gesamte Mobiliar
wurden vom Finanzamt der Stadt Minden beschlagnahmt und dann an die
Stadt Minden verkauft, welche alles ver-steigerte. Schließlich
wurde auch der Familienschmuck zwecks öffentlicher Verwertung in
die Pfandleihanstalt der Stadt Hannover gebracht, worüber am 31.
März 1939 eine Bescheinigung ausgestellt wurde: Dort ist der
Familienschmuck auf unbekannte Weise verschwunden.
Am 8.
Dezember 1941 wurde Ernst Lindemeyer nach Riga deportiert. Vermutlich
mit demselben Transport wurde auch seine Ehefrau Gertrud dorthin
verbracht. Dort sind Ernst und Gertrud Lindemeyer verschollen: Sie
werden wie viele andere Juden auch die Liquidierung des Ghettos am 2.
November 1943 nicht überlebt haben, sind im Ghetto Riga
verschollen. Beider gesamtes Vermögen wurde durch das Deutsche
Reich eingezogen.

Alfred
Pfingst und Frieda Pfingst geb. Loewenstein
Alfred Pfingst
wurde am 16. April 1889 in Bischofsburg (Kreis Rößel) in
Ostpreußen geboren. In Rößel heiratete er am 5.
November 1918 die am 13. Februar 1893 in Barten (Kreis Rastenburg)
geborene Frieda Loewenstein. Alfred Pfingst war als Kaufmann tätig:
Ihm gehörte das Einheitspreisgeschäft "Alfred Pfingst
am Wesertor" an der Bäckerstraße 74-76. Dort wohnte
er seit dem 1. August 1911; schon für den Tag der Heirat ist
seine Frau bereits in Minden unter derselben Adresse gemeldet.
Gemeinsam hatten sie drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn,
die in Minden geboren wurden. Bevor die "Verordnung zur
Ausschaltung von Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom
1. Januar 1939 in Kraft trat, wurden seitens der NSDAP 1938 in Minden
Versuche unternommen, das Einheitspreisgeschäft zu ‚arisieren':
Das scheiterte jedoch am Widerstand des Mindener Einzelhandels. So
wurde die ‚Arisierung' des Geschäfts erst ab 1939
durchgeführt. Sie dauerte bis 1941, weil der mit der
Geschäftsauflösung beauftragte Steuerberater Köllmann
aus Minden sie bewusst verschleppte: Er war seit der
Geschäftsgründung 1931 für Alfred Pfingst tätig.
Als Alfred Pfingst 1938 in der Reichspogromnacht zum 9. November
verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurde,
beauftragte er Köllmann vertrauensvoll mit der Geschäftsführung.
Ab Ende Januar 1939 war Köllmann dann offiziell im Auftrag der
Stadt Minden mit der Abwicklung des Pfingstschen Geschäfts
betraut. Aus dieser Aufgabe wurde er im April 1939 entlassen, weil
man ihn für unzuverlässig, da persönlich der Familie
Pfingst zugeneigt, befand. Die Abwicklung des Einheitspreisgeschäfts
wurde daraufhin dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Vockroth übertragen.
Auch Vockroth zögerte die Liquidierung des Geschäfts
bewusst hinaus; sie war erst Ende 1941 abgeschlossen.
Das
Ehepaar Pfingst war bereits Anfang Juni 1939 nach Frankfurt a. M.
umgezogen, hatte zuvor noch seine sämtlich unmündigen
Kinder von Minden aus ins Ausland in Sicherheit gebracht, wo alle
drei den Holocaust überlebten.
Über das weitere
Schicksal von Alfred und Frieda Pfingst ist nur bekannt, dass sie von
Frankfurt a. M. nach Auschwitz deportiert und dort am 31. Oktober
1944 ermordet wurden.
Alexander
Strauß, geb. am 6. 10. 1883 in Schewitz Kreis Treblitz.
Otto
Strauß, geb. am 27. 10. 1911 in Schötmar, beide zuletzt
wohnhaft Minden, Weserstr. 12.
Alexander Strauss war
katholisch. Laut Trauregister der Domgemeinde Minden heiratete er am
21. April 1908 Alwine Louise Fischer, die am 26.08. 1889 in
Bruchhausen/Kreis Hoya geboren wurde. Der Ehe entstammten 5 Kinder.
Alexander Strauß war als Pferdehändler tätig,
nebenberuflich besaß er eine Drehorgel. Er besuchte Messen und
Märkte und galt als tüchtiger Geschäftsmann mit guten
Verdiensten. Er lebte mit seiner Familie in gut situierten
Verhältnissen und galt als vermögend.
Am 3. 3. 1943
wurde Alexander Strauß mit seiner Frau Alwine Louise und seinen
Kindern aufgrund der Umsetzung des Himmler-Erlasses ins KZ Auschwitz
verbracht. Dieser Erlass beinhaltete Sinti, Roma und
Zigeunermischlinge in KZs zu verbringen und sie dort zu töten.
Ein Beamter der Kripo in Minden, Fleßner, hatte Alexander
Strauss vor der stattfindenden Verhaftungsaktion gewarnt. Dieser nahm
die bevorstehende Verhaftung zwar zur Kenntnis, wollte aber nicht so
sehr daran glauben. Schließlich sei er ein angesehener Mann,
habe ein gutes Gewerbe für das er seine Steuern zahle und habe
sich nichts vorzuwerfen. Morgens um 4.30 Uhr wurde die ganze Familie
neben anderen Mindener Sinti verhaftet und in das Gerichtsgefängnis
in Minden eingeliefert. Am 4. 3. 1943 wurden sie nach Hannover
überführt und von dort weiter in das Konzentrationslager
Auschwitz verbracht.
Alexander Strauss erhielt laut Eintrag
im Hauptbuch des Zigeunerlagers (Männer) die Häftlingsnummer
426.Sein Sohn Otto Strauss bekam die Nr. 425.
Während
Alwine Strauß und vier ihrer Kinder Auschwitz und andere
KZ-Lager überleben, werden Alexander Strauß und einer
seiner Söhne, der gehbehinderte Otto Strauß, die Hölle
Auschwitz nicht überleben. Otto stirbt nach fast 8 Wochen an den
Lagerbedingungen laut Zeugenaussagen am 27. 04. 1943 an Flecktyphus.
Laut Zeugenaussagen und Aussagen der überlebenden
Familienangehörigen wird Alexander Strauß von den
Wachleuten misshandelt. Er erhält, über den berüchtigten
Bock gelegt, Knüppel- und Peitschenhiebe besonders auf die
Nieren. Er stirbt unter Qualen in den Armen seines Jüngsten
Sohnes Heino Strauss am 31. 12. 1943. Als Todesursache wurde Herz-
und Blutkreislaufschwäche angegeben.
Hans Strauss sagte bei der Verlegung der Stolpersteine am 12. 3.2011:
"Wir möchten dazu anmerken:
Der Stolperstein soll eine Mahnung sein. Er darf nicht dazu verwendet werden, Hass zu schüren.
Der Name Fleßner ist seit dieser Zeit ein Begriff in unserer Familie, ein Name, den auch mittlerweile unsere Kinder kennen. Herr Fleßner hat nicht nur unseren Großvater gewarnt, sondern die schon eingezogenen Ausweise an den ältesten Sohn unseres Großvaters ausgehändigt. Mit einer Art von ihm persönlich ausgeschriebenen Passierschein konnte unser Onkel Hugo Strauss mit seiner Ehefrau Dorothea Strauss ins Ausland flüchten. Deshalb müssen wir auch der Helfer gedenken, die in dieser gefährlichen Zeit ihr eigenes, aber auch das Leben ihrer Familie aufs Spiel setzten."


Paula
Gehlhaus geb. Otte
Paula Gehlhaus wurde am 28. April 1893 in
Stadthagen Krs. Schaumburg-Lippe geboren. Ihre Eltern waren der
Postsekretär Hermann Otte und Lina geborene Hohmann. Sie war
evangelisch. In der Familie lebten noch fünf Geschwister. Paula
galt nach der Aussage einer Schwester immer als "körperlich
und geistig schwächlich". Bis zu ihrem 37. Lebensjahr blieb
sie unverheiratet. Am 22. Juli 1920 gebar Paula Otte in Herford einen
unehelichen Sohn, Willi, der von Kindheit an körperlich und
geistig behindert war und deshalb schon als Kind im städtischen
Waisenhaus in der Mindener Brüderstraße lebte. Am 21.
August 1930 heiratete sie den Friseur Karl Gehlhaus, mit dem sie von
jetzt an in Dankersen in der Bachstraße 8 wohnte.
Schon
wenige Jahre nach ihrer Heirat machen sich bei Paula Gehlhaus
Symptome einer beginnenden Geisteskrankheit bemerkbar. Im Frühjahr
1934 wird sie in das Krankenhaus Minden aufgenommen, wo die Ärzte
eine Geisteskrankheit diagnostizieren, deren Ursache unbekannt sei.
Sie halten eine Heilbarkeit für fraglich und bezeichnen Paula
als "anstaltspflegebedürftig". Der Amtsarzt bestätigt
die Notwendigkeit der Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt.
So wird sie am 7. Juli 1934 in die Bodelschwinghschen Anstalten
Bethel aufgenommen. Die fortlaufenden Eintragungen in ihre
Krankenakte besagen eine ständige Verschlechterung ihres
Zustandes, bescheinigen ihr aber gleichzeitig, dass keine organischen
Krankheiten vorlägen. Sie lebt in einer geschlossenen
psychiatrischen Station.
Am 18. November 1941 schreibt die
Anstaltsleitung an den Ehemann, seine Frau müsse auf Anordnung
des Oberpräsidenten in Münster zusammen mit einer Anzahl
von Kranken aus Bethel verlegt werden, und zwar in die Heilanstalt
Gütersloh. Die Verlegung geschieht am 21. November 1941 Der
Übergabeschein bestätigt noch einmal einen unheilbaren
angeborenen Schwachsinn
Eintragungen in die Krankenakte aus
der Gütersloher Zeit fehlen bis auf einen Vermerk vom 9. Juni
1942: "Krankenblatt nach Auszug in Gütersloh
abgeschlossen." Das Abgangsbuch der Heilanstalt Gütersloh
hält unter dem 9. Juni 1942 fest, dass Paula Gehlhaus nach Warta
verlegt worden sei. Diese Eintragung ist fehlerhaft, denn sie lebte
noch bis zum 12. November 1943 in der Gütersloher Anstalt. Unter
diesem Datum findet sich nämlich in Ihrer Krankenakte der
Vermerk: "Überführung nach Warta". Zwei Tage
später, am 14. November 1943, wird für Paula Gehlhaus eine
Aufnahmeanzeige in Warta ausgestellt. Wie es zu der fehlerhaften
Eintragung kam, kann aus der Aktenlage nicht geklärt werden.
Warta/Polen gehörte in der Zeit der deutschen Besetzung
zum sog. "Reichsgau Wartheland". Die "Heilanstalt"
Warta war eine der Tötungsanstalten des Deutschen Reiches, in
denen im Rahmen der Euthanasiepolitik behinderte, kranke und sozial
auffällige Menschen ermordet wurden. Diese Mordaktionen waren
zwar im Sommer 1941 offiziell eingestellt worden, sie wurden jedoch
bis zum Kriegsende weiter durchgeführt. Ihnen fielen wenigstens
200.000 Menschen zum Opfer. Zu ihnen gehörte auch Paula
Gehlhaus. Sie starb am 1. Januar 1945. Der Totenschein nennt als
Todesursache: Lungentuberkulose.
Nachtrag:
Willi Otte,
Paula Gehlhaus' behinderter Sohn, wurde ebenfalls im Zuge der
Euthanasiemaßnahmen ermordet. Er starb in der "Heilanstalt"
Egelfing-Haar am 25. Februar 1945 im sog. "Hungerhaus". Für
ihn liegt ein Stolperstein in der Brüderstraße 16 vor dem
Robert-Nußbaum-Haus.
At an evening meeting in the "Hall of Tolerance" ("Saal der Toleranz") of the Jewish synagogue the sculptor Gunter Demnig explained his project of "stumbling stones" to a large interested audience, among them Minden's Mayor Michael Buhre (who addressed himself especially to Gunter Demnig and the members of the Werberg family, who had come from the USA on this occasion.
Der
Pfad der Erinnerung wird weiter ausgebaut: 2012 werden weitere Steine
verlegt.
Wir würden uns freuen, wenn Sie die Aktion
Stolpersteine weiterhin mit Ihren Spenden unterstützen.
Ein
Projekt von Bürgerinnen und Bürgern - ohne öffentliche
Zuschüsse.
Fotos:
© Karl-Heinz Ochs, Minden
Weitere Informationen zu STOLPERSTEINEN finden Sie bei:
Gunter
Demnig - Stolpersteine
Letzte
Aktualisierung: 14. Februar.2012