
Bentlage, Karl
Karl Bentlage wurde am 20. Juni 1868 in Minden geboren. Er trug den zweiten Vornamen Heinrich.
Sein Vater war der Glaser Johann Heinrich Bentlage, als dessen Beruf in anderen Dokumenten
Schlosser genannt wird. Seine Mutter war Charlotte Luise Bentlage geborene Böger verwitwete Thomas.
Karl wurde evangelisch-reformiert getauft. Er hatte sieben Geschwister. Zur Zeit seiner Geburt lebte
die Familie in Minden "Am Bahnhof". Er erlernte den Beruf des Buchdruckers, den er auch über mehrere
Jahrzehnte ausübte, zuletzt als Maschinenmeister. Er blieb ledig. Seinen Wehrdienst leistete er beim
Infanterie-Regiment Nr.15 in Minden ab. Von einem Zeitpunkt an, der sich aus den Unterlagen nicht
exakt bestimmen lässt, lebte er in der Pöttcherstraße 13 bei seiner Schwester Friederike Bentlage.
Einige Angaben in seiner späteren Krankenakte lassen vermuten, dass noch weitere Geschwister im selben
Haushalt lebten.
Mitte der 20er Jahre macht sich offenbar eine psychische Erkrankung bei Karl Bentlage bemerkbar.
Sie könnte Folge eines Arbeitsunfalls gewesen sein, bei dem er sich Kopfverletzungen zugezogen hatte.
Am 7. August 1927 wird er in das Mindener Krankenhaus eingewiesen, nachdem er lt. ärztlichem Bericht
gegenüber seiner Schwester gewalttätig geworden war. Der behandelnde Arzt schreibt, dass seit ungefähr
fünf Jahren starke Veränderungen mit ihm vorgegangen seien: Er sei misstrauisch und jähzornig geworden,
zeige Wahnideen, habe kaum noch das Haus verlassen und darüber auch seine Arbeit vernachlässigt.
Der Arztbericht spricht von einer "Gemeingefährlichkeit gegenüber seinen Schwestern".
In einem späteren Brief vom 15. Dezember 1928, als Karl bereits in einer Heilanstalt lebt,
schreiben die Geschwister über diese Zeit, dass ihnen ihr Bruder "das Leben recht schwer gemacht" habe,
"was ja durch ärztliches Zeugnis bestätigt" sei.
Am 15. August 1927 erklärt die Polizeiverwaltung Minden, sie habe keine Bedenken gegen seine
Unterbringung in einer Anstalt. Am 19. August 1927 wird Karl Bentlage in die Provinzialheilanstalt
Gütersloh einge- wiesen. Der Aufnahmeschein bescheinigt "arterio-sklerotisches Irresein" und fehlende
Aussicht auf Genesung.
In den folgenden Jahren geht aus seiner Krankenakte als stets wiederkehrende Beurteilung hervor:
Er sei ruhig und geordnet, bei seinen Arbeiten auf dem Lager fleißig, er sei aber verschlossen, halte
sich von den anderen Patienten fern, zeige mit fortschreitender Dauer seines Aufenthaltes in der
Anstalt Wahnideen. 1941 nennt die Krankenakte ihn "autistisch", es wird ihm Schizophrenie attestiert.
Im Dezember 1942 zieht er sich bei einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zu; er bleibt danach
körperbehindert.
Am 14. Oktober 1943 wird er aus Gütersloh entlassen, zwei Tage später wird er in die Gauheilanstalt
Warta in Polen aufgenommen. Warta gehörte unter der deutschen Besetzung Polens zum sog. Reichsgau
Wartheland. Die dort schon vorhandene Heil- und Pflegeanstalt war zu einer der Tötungsanstalten im
nationalsozialistischen Euthanasieprogramm umfunktioniert worden. Man muss davon ausgehen, dass
Patienten, die aus Heilanstalten im Reichsgebiet nach Warta verlegt wurden, für die Euthanasiemorde
vorgesehen waren. Das gilt wohl auch für Karl Bentlage.
Noch am 21. Februar 1944 erhält Friederike Bentlage auf Nachfrage den Bescheid aus Warta, der
körperliche und psychische Zustand ihres Bruders sei unverändert, er sei ruhig, bereite keine
Schwierigkeiten, habe guten Appetit und schlafe gut. Am 23. April 1944 stirbt Karl Bentlage. Über die
Umstände seines Todes gibt es keine Informationen; der Totenschein nennt als Todesursache
"Altersschwäche".
Bezeichnend ist folgender Umstand: Den Geschwistern Bentlage wurde telegraphisch mitgeteilt, die
Beerdigung ihres Bruders sei am 27. April um 11 Uhr; die Telegramme kamen aber erst am 26.(!) April
bei ihnen an, so dass Friederike Bentlage schreibt, wegen der zu knappen Zeit hätten die Geschwister
nicht zur Beerdigung fahren können.
Willi Otte
An der Stelle des heutigen Robert-Nußbaum-Hauses stand vor dem 2. Weltkrieg das Mindener
Waisenhaus. Hier lebte bis 1938 Willi Otte.
Er wurde am 22. Juli 1920 unehelich in Herford geboren. Sein Vater war nicht in der Lage,
den geforderten Unterhalt zu zahlen. Wegen seiner geistigen Behinderung wurde er als
18jähriger Jugendlicher am 27. Juli 1938 in die Heilanstalt Wittekindshof aufgenommen.
Zu diesem Zeitpunkt lebte seine Mutter in den Bethelschen Anstalten in Bielefeld. Als
geistig Behinderter war er bedroht durch die Euthanasiepolitik des Naziregimes, die die
Tötung sogenannten "lebensunwerten Lebens" betrieb. Gegen den Willen des Wittekindshofes
wurde Willi Otte am 6. November 1941 in die "Heilanstalt" Gütersloh verlegt; am 7. Februar
1942 wurde er weiter verlegt in die "Heilanstalt" Aplerbeck.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Euthanasieaktionen wegen des erheblichen öffentlichen
Protestes und Widerstandes offiziell eingestellt; inoffiziell wurden sie jedoch bis
zum Endes des Nazireiches weiter geführt. Es gibt keine exakten Zahlen der Euthanasieopfer;
man muss jedoch davon ausgehen, dass wenigstens 200.000 psychisch kranke, geistig behinderte
oder sozial auffällige Menschen im Rahmen der Euthanasieaktionen in Krankenhäusern, Heimen
und Heilanstalten ermordet wurden.
Am 24. Juni 1943 wurde Willi Otte noch einmal verlegt, und zwar in die "Heilanstalt"
Egelfing-Haar bei München. Solche mehrfachen Verlegungen erfolgten häufig, um
Nachforschungen von Angehörigen zu erschweren. In Egelfing-Haar gab es, wie in anderen
Vernichtungsanstalten auch, ein sogenanntes "Hungerhaus", in dem man die Opfer durch
gewollten und geplanten Nahrungsentzug verhungern ließ. Hier starb Willi Otte am 25.
Februar 1945.
Nachtrag:
Im Zuge unserer weiteren Forschungen nach Mindener Euthanasieopfern stellten wir später
fest, dass Willi Ottes Mutter, Paula Gehlhaus, am 7. Juli 1934 in die Bodelschwinghschen
Anstalten in Bielefeld-Bethel aufgenommen wurde.
Begründung: Geisteskrankheit. Von dort wurde sie am 21. November 1941 in die "Heilanstalt"
Gütersloh verlegt, wo sich zu der Zeit auch ihr Sohn befand. Am 9. Juni 1942 wurde sie
noch einmal verlegt, und zwar nach Warta/Polen. Warta gehörte während der deutschen
Besatzungszeit zum sog. "Reichsgau Wartheland". Die dortige "Heilanstalt" war eine der
Tötungsanstalten für die Euthanasieaktionen. Dort wurde auch Willi Ottes Mutter ermordet.
Für sie liegt ein Stolperstein vor dem Haus Bachstraße 8 in Dankersen.

Familie Werberg
In dem heutigen Eingangsgebäude des Mindener Museums befand sich bis 1939
das Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familie Werberg. Adolf Werberg hatte das Haus
1908 gekauft. Sein Sohn Leopold Maximilian Werberg, geboren am 24. Oktober 1891, erbte das
Haus und betrieb hier ein Altwarengeschäft mit Schuhen und Konfektion. Mit ihm zusammen
lebten seine Frau Bella geborene Philipp, geboren am 25. Juni 1898, und sein 1931 geborener
Sohn Hans-Adolf.
Gleich nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 kam es zu ersten
antijüdischen Ausschreitungen und Boykottmaßnahmen, von denen auch Werbergs Familie und
Geschäft betroffen waren. Beim Novemberpogrom 1938 wurden, wie in vielen jüdischen
Geschäften und Wohnungen Mindens, auch bei Werbergs die Schaufenster zerschlagen und die
Ladeneinrichtung demoliert. Leopold Maximilian Werberg wurde ins Konzentrationslager
Buchenwald verschleppt und dort misshandelt; er kehrte schwer erkrankt nach Minden zurück.
Er und seine Frau beschlossen daraufhin, den Sohn Hans-Adolf mit einem der Kindertransporte
aus Deutschland herauszubringen; er gelangte nach England, später in die USA, und konnte so
die Nazizeit überleben.
Werbergs mussten das Haus 1939 zwangsweise an die Stadt Minden verkaufen. Der Kaufpreis in
Höhe von 7.500 Reichsmark kam jedoch nicht der Familie Werberg zugute, sondern wurde von
der Stadt einbehalten. 1952 wurde das Haus an den Sohn zurückerstattet und 1954 von der
Stadt Minden zum zweiten Mal im Zuge der Museumserweiterung angekauft.
Leopold Maximilian und Bella Werberg wurden im Dezember 1941 mit vielen anderen Mindener
Jüdinnen und Juden in das Ghetto Riga deportiert. Dort kamen sie am 11. Februar 1942 um.
Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.
Dina Heinemann
Das frühere Haus Ritterstraße 11 existiert nicht mehr. Es war das elterliche
Haus der Jüdin Dina Heinemann, die vermutlich seit ihrer Geburt am 20. Februar 1872 hier
gewohnt hat. Nach Abschluss ihrer Schulzeit absolvierte sie eine Lehre als Schneiderin.
Sie blieb unverheiratet.
Während der Zeit der Weimarer Republik war sie bekannt für ihr soziales Engagement. So
wurde sie 1919 zur Vorsteherin des 14. Wohlfahrtsbezirks der Stadt Minden bestimmt. Dieses
Engagement führte sie auch in die Politik und zur Sozialdemokratie. Vermutlich zu Beginn
der Weimarer Republik wurde sie Mitglied des Ortsvereins Minden der SPD. Zweimal
kandidierte sie bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung: 1924 und 1929. Aufgrund
des damals bestehenden reinen Verhältniswahlrechts, bei dem nicht Personen, sondern Listen
gewählt wurden, erreichte die SPD zu wenige Sitze, so dass sie nicht Stadtverordnete werden
konnte.
Nach dem 30. Januar 1933 lebte Dina Heinemann zunehmend isoliert. Als Sozialdemokratin und
als Jüdin war sie doppelt vom Feindbild der Nazis betroffen. Sie wurde diskriminiert und
ausgegrenzt, schließlich verfolgt und auch tödlich bedroht.
Am 28. Juli 1942 wurde Dina Heinemann zusammen mit 31 anderen Jüdinnen und Juden aus Minden
in das KZ Theresienstadt deportiert. Bereits einen Monat später, am 29. August 1942, kam
sie dort um.
Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.
Amalie Pincus geb. Posener Bei den biographischen Angaben zu Amalie Pincus widersprechen sich die Quellen teilweise. Sie wird sowohl "Pincus" wie auch "Pinkus" genannt, ihr Geburtsname sowohl als "Posener" wie als "Posner" angegeben. Auch ihr Geburtsdatum und Geburtsort unterscheiden sich in den Quellen: Lt. AfW-Akte und Meldekartei wurde sie am 3. April 1861 (!) in Greifenberg Krs. Angermünde/Pommern geboren, lt. Gedenkbuch am 3. April 1860 (!) in Schwiebus/Pommern. Dennoch steht zweifelsfrei fest, dass alle Quellen von derselben Person sprechen. Die Widersprüche sind wahrscheinlich auf Fehler in der Aktenführung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Amalie Posener war Jüdin. Sie heiratete am 6. September 1881 den Kaufmann Abraham Pincus in Greifenhagen/Pommern. Sie blieb Hausfrau. Zwei Kinder aus der Ehe hatten später auch unter dem nationalsozialistischen Terrorregime zu leiden: Tochter Käthe, am 22. Juni 1882 geboren, führte nach ihrer Heirat den Namen Löwy; sie wurde am 7. April 1944 im KZ Theresienstadt ermordet. Sohn Gustav, geboren am 21. Oktober 1885, kam 1943 im Warschauer Ghetto um. Das Ehepaar Pincus muss noch eine weitere Tochter gehabt haben, über die allerdings keine Unterlagen vorliegen. Es ist zu vermuten, dass diese geheiratet hat und danach den Namen Meyer führte. Jedenfalls strengten nach dem Kriege auch drei Enkelkinder der Amalie Pincus, die alle den Geburtsnamen Meyer führten, erfolgreiche Wiedergutmachungsverfahren an. Wann das Ehepaar Pincus Pommern verließ, ist nicht exakt festzustellen. Sicher ist, dass es 1923 von Berlin nach Hausberge verzog, wo schon Sohn Gustav lebte. Im Sommer 1924 zogen Abraham und Amalie nach Minden um, zunächst in die Simeonstraße 13; 1935 wechselten sie in die Königstraße 51 und 1938 nach hier in die Ritterstraße 11. Im selben Haus wohnte auch ihre inzwischen verwitwete Tochter Käthe Löwy. Im Jahr 1941 starb Abraham Pincus; er ist auf dem Mindener jüdischen Friedhof beerdigt. Am 28. Juli 1942 wurde Amalie Pincus verhaftet und zusammen mit vielen anderen Jüdinnen und Juden nach Bielefeld abgeschoben. Drei Tage später wurde sie in das KZ Theresienstadt deportiert. Zum selben Transport gehörte auch ihre Tochter Käthe. Lt. Gedenkbuch wurde Amalie Pincus am 22. März 1944 dort ermordet. Die AfW-Akte sagt aus, sie sei in Theresienstadt verschollen und zum 8. Mai 1945 für tot erklärt worden. Nach der Deportation wurde ihre Wohnungseinrichtung enteignet und vom Finanzamt Minden an die Stadt Minden verkauft.
Familie Kirschroth
Hier befand sich vor dem 2. Weltkrieg das Schuh- und Bekleidungsgeschäft
der jüdischen Familie Kirschroth, die auch in diesem Hause wohnte. Die Eltern waren
polnischer Herkunft. Der Vater, Samuel Kirschroth, wurde am 1. April 1893 geboren. Er kam
während des 1. Weltkriegs als Kriegsgefangener nach Minden und lernte im Gefangenenlager
seine spätere Frau Helene geborene Ingberg kennen, die dort als Dolmetscherin arbeitete.
Sie, am 15. Juni 1898 geboren, war bereits als Kind mit ihren Eltern nach Minden gezogen.
Zur Familie gehörten die drei Kinder Isidor, geboren am 11. Februar 1919; Herbert, geboren
am 22. Dezember 1920; und Charlotte, geboren am 4. September 1923.
Beide Eltern waren engagierte Sozialdemokraten. Partei- und Religionszugehörigkeit führten
nach dem Beginn der Nazidiktatur dazu, dass die Familie zunehmend ausgegrenzt und bedroht
wurde. Nach dem "Gesetz zur Aufhebung der Einbürgerung" wurde den Kirschroths, wie allen
osteuropäischen Juden, die während der Weimarer Republik eingebürgert worden waren, die
deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. 1938 erfolgte die Ausweisung.
Am 28. Oktober 1938 wurde die Familie Kirschroth verhaftet und in ein Sammellager nach
Hannover gebracht. Von dort wurde sie an die polnische Grenze deportiert und abgeschoben.
Von dieser Deportation waren insgesamt 17.000 bis 18. 000 Juden betroffen, die, weil Polen
sie zunächst nicht aufnehmen wollte, zehn Tage lang bei Schneetreiben und Frost zwischen
den Grenzen umherirrten. Die Familie Kirschroth landete dann im Internierungslager
Sbascyn/Bentschen. Von hier konnte der ältere Sohn Isidor nach Großbritannien ausreisen;
er überlebte als einziges Familienmitglied. Im Mai 1939 durfte Helene Kirschroth noch einmal
nach Minden reisen, um das Eigentum zu verkaufen; der Verkaufserlös wurde jedoch
einbehalten.
Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 gerieten Samuel, Helene, Herbert
und Charlotte wieder unter Naziherrschaft, ihre Spur verlor sich, sie sind verschollen.
Über ihr Schicksal können nur Vermutungen angestellt werden.
Nach Verlegung der Stolpersteine erreichte den Arbeitskreis die folgende Information zum
Schicksal der Familie Kirschroth, die auf Angaben des Sohnes Isidor beruht: Nach Auflösung
des Lagers Sbascyn/Bentschen kurz nach Kriegsbeginn wurde die Familie in das Ghetto
Miedzeszyn bei Warschau verlegt. Nach Kriegsende erhielt Isidor über die US-Army die
Nachricht, dass dieses Ghetto nach dem Mai 1942 von der SS überfallen worden sei und
dass alle Bewohner ermordet worden seien.
28.1.1919 Aufnahme im Blödenheim des Wittekindshofes wg. Idiotie, Aufnahmenummer 1944Befunde lt. Krankenakte zwischen 1932 und 20.3.1941 (stets wiederkehrend):
Befunde lt. Krankenakte zwischen Aufnahme und 1932 (stets wiederkehrend):
angeborener Schwachsinn, verkrüppelte Hände und Füße, Wolfsrachen,
völliger Sprachmangel, völlige Hilflosigkeit
körperliches Befinden gut, im allgemeinen ruhig und zufrieden,Gewichtsentwicklung (Auswahl):
freundlich und zugänglich, zutraulich, muss in allem versorgt werden.
1930 (erster Eintrag) 42 kg; 1934 49 kg;Quellen:
1938 48,5 kg; Dez. 1939 49,5 kg; 20.3.1941 (letzter Eintrag Wittekindshof) 47 kg
4.11.1941 Verlegung in die Heil- u. Pflegeanstalt Gütersloh; Gewicht am 12.1.1942 (erster Eintrag) 39,5 kg
17.1.1942 Anzeige an den Amtsarzt in Wiedenbrück gemäß "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses"; Vermerk: "Entlassung kommt nicht in Frage; fortpflanzungsfähig"
14.3.1942 Befund lt. Krankenakte: starke Gewichtsabnahme, erhebliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes
21.3.1942 Befund lt. Krankenakte: moribunder Eindruck, sieht sehr elend aus
25.3.1942 Tod. Todesursache lt. ärztlichem Befund: Marasmus bei Idiotie
26.3.1942 Benachrichtigung des Vaters mit Nennung des Beisetzungsdatums;Vater erscheint nicht zur Beisetzung; Beisetzung im Grab Nr. 762 (nicht mehr auffindbar)
Marcel Lilienthal
Im Haus Obermarktstraße 19 existierte seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Bankgeschäft, das von dem jüdischen Kaufmann
Moses Lilienthal begründet worden war. Von 1910 bis 1935 war Bruno Lilienthal der Inhaber. Ihm gehörte auch das Haus, in
dem es neben Wohnungen auch eine Filiale der Lebensmittelkette Heinrich Hill AG gab.
Ab wann Marcel Lilienthal hier wohnte, ist nicht mehr zu ermitteln. Über ihn geben die vorhandenen Quellen nur sehr spärliche
Auskunft. Er wurde am 8. Januar 1922 in Berlin geboren. Er war Jude. Weder über seine Eltern noch über seine
verwandtschaftliche Beziehung zu Bruno Lilienthal sind Unterlagen vorhanden. Sicher ist, dass er in diesem Haus gelebt hat.
Wahrscheinlich bereits vor dem 2. Weltkrieg emigrierte er nach Frankreich. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche
Wehrmacht wurde er im Jahr 1940 verhaftet und im Lager Gurs in Südfrankreich interniert. Es ist möglich, dass Verhaftung und
Internierung durch die französischen Behörden erfolgten. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde er von Gurs in das
Internierungslager Drancy bei Paris überstellt. Von hier wurde er am 4. September 1942 mit dem Transport Nr. 28 nach Auschwitz
deportiert. Dort wurde er ermordet. Tag und Umstände seines Todes sind nicht bekannt.
Über das Schicksal des Bruno Lilienthal wissen wir nichts. Sein Haus in der Obermarktstraße 19 wurde enteignet und "arisiert";
Erwerber war die Heinrich Hill AG.
Sophia Neuhaus
Im Haus Obermarktstraße 9, dem Eigentum des Ehepaares Isidor und Rosa Simon, wohnte auch Sophia Neuhaus. Sie war Schwester
von Rosa Simon und auch Jüdin. Sie stammte ebenfalls aus Werl-Scheidingen im Kreis Soest, wo sie am 4. Oktober 1882 als
Tochter von Abraham und Mina Neuhaus geboren wurde. Sie blieb unverheiratet.
Über ihre Zeit in Minden sind kaum noch Unterlagen vorhanden. So ist auch nicht mehr zu ermitteln, wann genau sie nach Minden
zugezogen ist und ob diese Wohnung ihre erste in Minden war. Gesichert ist, dass sie in diesem Hause seit dem 27. Dezember
1936 lebte und, wie ihre Schwester, im Polsterei- und Tapeziergeschäft ihres Schwagers Isidor Simon arbeitete.
Am 11. Dezember 1941 wurde Sophia Neuhaus verhaftet und nach Bielefeld verschleppt, von wo sie am nächsten Tag nach Riga
deportiert wurde. Hier verliert sich ihre Spur; sie hat das Lager nicht überlebt. Ihr wahrscheinlicher Todestag ist der
16. Mai 1943.
Rosa Simon, geb. Neuhaus
Rosa Simon wurde am 19. April 1877 in Werl-Scheidingen Kreis Soest geboren; sie war Jüdin. Ihre Eltern waren der Händler
Abraham Neuhaus und Mina Neuhaus geb. Spiegel. Sie war Schwester von Sophia Neuhaus. Als Jugendliche absolvierte sie eine
Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten; sie war auch in diesem Beruf tätig. Am 17. Mai 1919 heiratete sie in Bielefeld
den jüdischen Polsterer- und Tapeziermeister Isidor Simon, geboren am 25. Februar 1878 in Minden.
Ab 1921 ist nachgewiesen, dass ihr Mann im Seitenflügel des Hauses Bäckerstraße 3 ein Etagengeschäft für Betten- und
Baumwollwaren sowie eine Polsterei betrieb. Rosa Simon arbeitete im Verkauf und erledigte Buchhaltung und Korrespondenz.
1935 kaufte das Ehepaar das Haus Obermarktstraße 9, wo es jetzt wohnte und das Geschäft betrieb. Rosa engagierte sich - wie
ihr Mann - in der jüdischen Gemeinde, in der sie stellvertretende Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins war.
Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wirkten sich die antijüdischen Maßnahmen und Aktionen auch auf Geschäft
und Familie der Simons aus. Kunden blieben aus, der Umsatz sank drastisch. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November
1938 wurden Geschäft und Wohnung geplündert und demoliert. Isidor Simon wurde -wie viele männliche Mindener Juden- in das
KZ Buchenwald verschleppt, aus dem er im Dezember wegen seines Alters und weil er im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz
ausgezeichnet worden war, entlassen wurde.
Das Ehepaar Simon wurde nun gezwungen, sein Geschäft aufzugeben, es wurde "arisiert". Geschäftseinrichtung und Vorräte wurden
zwangsweise durch einen Treuhänder an Konkurrenten verkauft, Haus und Grundstück erwarb der Tapezier-meister Reinhold Ströber,
der hier nun ein Polster- und Dekorationsgeschäft betrieb. Der Erlös kam jedoch nicht dem Ehepaar zugute, sondern wurde auf ein
Sperrkonto bei der Dresdner Bank in Minden eingezahlt. Von diesem Geld mussten die sog. Juden-vermögensabgabe und die
"Reichsfluchtsteuer" bezahlt werden. Die Vierzimmer-wohnung im bisher eigenen Haus musste das Ehepaar verlassen; es wurde
gezwungen, zunächst in eine kleinere Wohnung in der Ritterstraße, dann in das sog. "Judenhaus" in der Königstraße 37
umzuziehen. Hier wurden Rosa und Isidor Simon gemeinsam mit anderen Mindener Jüdinnen und Juden am 28. Juli 1942 verhaftet
und nach Bielefeld abgeschoben; am 31. Juli wurden sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Rosa Simon
starb dort am 5. Juni 1944. Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.
Isidor Simon überlebte das Naziregime. Er wurde Anfang 1945 nach einer Intervention des Internationalen Roten Kreuzes mit
einer größeren Gruppe von Juden aus Theresienstadt in die Schweiz abgeschoben und wanderte 1946 in die USA aus. Auf Grund
des Rückerstattungsgesetzes der Bundesrepublik bekam er sein früheres Haus in der Obermarktstraße 9 zurück. Er verkaufte
es dann 1951 im Vergleichswege für 8.ooo,- DM an den neuen Eigentümer, der es auch schon 1938 im Zuge der Zwangs"arisierung"
erworben hatte.

Der Pfad der Erinnerung wird weiter ausgebaut: 2011 werden weitere Steine verlegt.
Wir würden uns freuen, wenn Sie die Aktion Stolpersteine weiterhin mit Ihren Spenden unterstützen.
Ein Projekt von
Bürgerinnen und Bürgern - ohne öffentliche Zuschüsse.